Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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526 BESPRECHUNGEN.

mir der in jedem Falle höchst interessante Pseudonymus, der mit seinen bisherigen
Schriften »Die Erkenntnis der bunten Einfalt« und »Gespräche mit einem Mädchen
über die Verliebtheit« berechtigtes Aufsehen erregte, zurückgegangen zu sein. Wäh-
rend in ihnen, die in stärkerem Maße philosophisch determiniert waren, das Un-
sagbare zwangsnotwendig neue, oft wundervoll reine, wirksame Worte und Wort-
bildungen herauftrieb, bin ich in diesem weit mehr essayistischen Büchlein des
öfteren bloßem Wortgespreize, bloßer neuheitslüsterner Silbenspielerei begegnet.
Wie auch manches ohne Mühe Geradeauszusagende in einem orakelnden Ton vor-
gebracht wird, um wenigstens die Pose der Bedeutsamkeit zu retten. So wünsche
ich, daß Animatus von diesem Abstecher ins tendenziös Ästhetische bald dahin
zurückkehrt, wo sein ureigenstes Reich ist und wir ihm bewegt gelauscht haben:
in die Sphäre des schauenden Erkenners, des ringenden Mystikers, des tendenz-
losen Platonikers.

Hamburg. ___________ Hans Franck.

Edle Einfalt und stille Größe. Eine mit Goetheschen und Herderschen Worten
eingeleitete Auswahl aus Johann Joachim Winckelmanns Werken. Mit einem
Bildnis Winckelmanns, einer biographischen Skizze und 14 Abbildungen
griechischer Bildwerke. Herausgegeben von Dr. Walter Winckelmann. Ber-
lin 1909, Winckelmann & Söhne. XVI, 240 S.
Was das hübsch ausgestattete Büchlein bietet, ist aus dem Titel ziemlich genau
zu ersehen. Wer den Inhalt mit offenen Sinnen auf sich wirken läßt, wird von
Winckelmanns Geist einen Hauch verspüren — und damit ist die Absicht des
Herausgebers im wesentlichen erreicht. Er hat keine besonderen literarischen
Ambitionen; er vermeidet bibliographische Nachweise und erklärende Anmerkungen;
die biographische Skizze, die er beigefügt hat, enthält lediglich die dürftigsten Daten.
Er will nur zusammenstellen, was ihm aus Winckelmanns Werken »nach Inhalt
oder Form schön oder beachtenswert oder für seine Auffassung bezeichnend er-
schien«.

Das ist im Grunde eine doppelte Aufgabe: denn für Winckelmanns Auffassung
ist so manches bezeichnend, was (vom Standpunkt der Gegenwart aus) weder
schön noch beachtenswert ist. Auf die Gegenwart aber kam's dem Herausgeber
vornehmlich an, und so hat er denn das »Bezeichnende« in Winckelmanns Schriften
sehr stiefmütterlich behandelt. Seine reichhaltige Auswahl ist geschickt getroffen,
allein sie ist nicht viel mehr als eine Blütenlese, bei der die weggelassenen Stellen
häufig durch Punkte markiert werden, aber ebenso häufig auch nicht. So fehlen
ohne weitere Andeutung die fünf kurzen einleitenden Abschnitte der »Gedanken
über die Nachahmung der griechischen Werke«. Gewiß hat dem Herausgeber
darin die Verherrlichung Dresdens als des neuen Athens nicht behagt: aber »be-
zeichnend« ist sie doch sicherlich? Selbst die kleine und so ungemein charakte-
ristische Schrift: »Erinnerung über die Betrachtung der Werke der Kunst« ist nur
auszugsweise wiedergegeben, und es fehlt z. B. (wiederum ohne weitere Andeu-
tung) der doch wahrlich »bezeichnende« Satz: »Diese [sanft gesenkte] Linie [von
der Stirn bis auf die Nase] hat Bernini, der Kunstverderber, in seinem größten
Flor nicht kennen wollen, weil er sie in der gemeinen Natur, welche nur allein
sein Vorwurf gewesen, nicht gefunden, und seine Schule folget ihm.«

An Winckelmanns Briefen, die eine schöne Ausbeute geliefert hätten, ist der
Herausgeber achtlos vorübergegangen. Ohne große Mühe wären ein paar beson-
ders eindrucksvolle Episteln zu finden gewesen. Ich denke etwa an den Brief an
Salomon Geßner vom 17. Januar 1761 (Winckelmanns Briefe, hrsg. von Förster 1824,
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