Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. ggg

nicht einen einzelnen Gang, sondern beschenkt seinen Leser mit einem wohl zu-
sammengestellten, reichhaltigen Menü. Aber besonders schmackhaft scheint es
nicht! Wenn ein derartig »einführendes« Werk sich über einen guten Durchschnitt
erheben soll, muß es entweder von einer hervorragenden pädagogischen Geschick-
lichkeit sein charakteristisches Gepräge erhalten oder von einer selbständig-einheit-
lichen Stellungnahme zu der Gesamtheit der behandelten Fragen. Beide Vorzüge
können sich ja auch vereinen, aber wenn beide fehlen, wird das Werk farblos, un-
durchsichtig und belastet mit vielen toten Stellen, wo der Verfasser nur referiert.
Und das weckt sehnsüchtige Erinnerungen an die Originale! Das Buch hat auf
mich den Eindruck gemacht, als ob ein vorzüglich vorbereiteter Kandidat einer sehr
strengen Prüfung unterworfen wird, die Rechenschaft über das Gesamtreich der
bildenden Künste fordert. Auf manche Fragen wird dabei eine ausführliche Ant-
wort gegeben, andere werden sehr kurz abgetan; häufig überrascht der Reichtum
an Literatur, manchmal fehlen wichtige Angaben; bisweilen wird Eigenes geboten,
und hie und da sogar eigene Widersprüche. Wenn z. B. als die »Kernaufgabe des
Baumeisters« die Befriedigung des Raumgefühls hingestellt wird, dann aber Waetzoldt
ausführt, daß wir der Antike Dank schulden für die Ausbildung einer Bauform
— der Triumphbogen —, die »weder ein Raum-, noch ein Flächengebilde ist, son-
dern eine architektonisch durchgebildete Masse«, deren »Schönheit fast ausschließ-
lich auf dem Verhältnis der offenen zu den geschlossenen Teilen beruht«, so liegen
doch hier offenbar nach seiner Meinung architektonische Gestaltungen vor, welche
die »Kernaufgabe« der Architektur überhaupt nicht berühren und doch »schön«
sind. Aber nicht um Einzelheiten handelt es sich hier: wenn in einem Buche
Hunderte Fragen behandelt werden, so ist es klar, daß man nicht überall zustim-
mend sich verhalten kann; und auch gewisse Flüchtigkeiten und Widersprüche
werden leicht begreiflich. Was eben schwer wiegt, ist der Mangel an durchgehen-
den, großzügigen Gedankenketten, die das undurchsichtige Material formen und
einen. Und pädagogisch scheint mir vor allem der Umstand bedenklich, daß das
Buch leicht dazu verleitet, es lediglich als »Nachschlagewerk« zu verwenden. Wie
ganz anders wirken da etwa die »Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken«
von Alfred Lichtwark, die »Vergleichende Gemäldestudien« von Karl Voll, »Sehen
und Erkennen« von Paul Brandt, oder auch die »Elementargesetze der bildenden
Kunst« von Hans Cornelius, obgleich ich prinzipiell auf einem wesentlich anderen
Standpunkte stehe. Aber hier überall spricht reichste praktische Erfahrung zu uns,
ein feinsinniges Hinhören auf die wahren Bedürfnisse des wirklichen Lebens; bei
Waetzoldt spüren wir oft nur Bücherweisheit und Geschmack, finden Hypothesen,
die der Anfänger gar nicht benötigt, Darlegungen, die nur den Kunstwissenschaftler
angehen usw. Aber ich will noch einmal abschließend bemerken, daß der Laie
aus Waetzoldts fleißigem Buche eine stattliche Fülle höchst brauchbaren Wissens
sich erwerben kann und es zweifellos nicht ohne Gewinn lesen wird.

Rostock. -)

. Emil Utitz.

Max Creutz, Die Anfänge des monumentalen Stiles in Norddeutsch-
land. 69 S., 10 Tafeln und 46 Abbildungen. Köln, Dumont-Schauberg.
Eine Besprechung in dieser Zeitschrift wird sich nicht auf den (sehr gelehrten)
historischen Inhalt des Buches richten, sondern ästhetisch etwas zu gewinnen suchen.
Wenn da die Ausbeute nicht zu groß ist, so kann der Verfasser trotzdem seine
ganz andersartige Absicht voll erreicht haben. Uns interessieren nicht historische
Einzelheiten, genaue Beschreibung der einzelnen Werke und ihre persönliche Zu-
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