Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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VI.

Die Bauerburschen-Episode im Werther.

Von

Melitta Gerhard.

Die — nachträglich eingefügte — Bauerburschen - Episode im
Werther soll hier nicht nach ihrer Entstehung und ihrer Stellung inner-
halb der Handlung untersucht werden. Wir wollen vielmehr ihr Ver-
hältnis zum Ur-Werther als Ausdruck von Wandlungen in Goethes
künstlerischem Schauen betrachten, deren verschiedene Phasen zugleich
repräsentativ sind für verschiedene Arten des künstlerischen Schauens
überhaupt.

Noch stärker als es die Gegenüberstellung zweier Werke aus
verschiedenen Entwicklungszeiten eines Dichters vermag, bieten uns
die Bearbeitungen, die Goethe in den achtziger Jahren, vor der italie-
nischen Reise, an seinen Jugendwerken (für die erste Gesamtaus-
gabe seiner Schriften) vornahm, eine Gelegenheit, Wandlungen des
künstlerischen Schauens und ihrer Ausdruckwerdung zu betrachten.
Und zwar wird solche Beobachtung nicht nur für Goethe aufschluß-
reich sein, vielmehr führen uns die Unterschiede in seiner Geistes-
haltung, die sich uns dabei zeigen, in hohem Maße zu allgemeinen
Grundproblemen der Kunst, zu prinzipiellen Gegensätzen der Kunst-
auffassung und des gesamten Weltgefühls. — Besondere Möglichkeiten
einer derartigen Vergleichung gewährt die Einfügung der Bauer-
burschen-Episode in den Werther bei der zweiten Fassung des Werks.
Denn hier handelt es sich ja nicht nur um vereinzelte Änderungen,
sondern um die Neuschöpfung eines bis zu einem gewissen Grade
selbständigen Gebildes, worin sich das Schaffen des Dichters natur-
gemäß viel reiner offenbart als in bloßen Korrekturen.

Nun hat ja zwar diese Episode eine zwiefache Bedeutung im Ge-
samtorganismus der Dichtung und ist zur einen Seite ein realer Be-
standteil im Bau der Erzählung — ein Hebel der Handlung, Mittel
der psychologischen Motivierung. In dieser Eigenschaft darf sie natür-
lich nicht losgelöst von-den übrigen Änderungen der zweiten Fassung
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