Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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VII.

Zur begrifflichen und geschichtlichen Bedeutung
des Klassischen in der bildenden Kunst.
Eine kunstgeschichtsphilosophische Studie1).

Von

Gerhart Rodenwaldt.

Voraussetzung der Kunstgeschichte ist das Prinzip steter Verände-
rung. Die Kunst hat keine Ziele erreicht, keine Wahrheiten entdeckt,
keine Problemlösungen geschaffen, die unverrückbar, allgeltend gewesen
sind. Eine Kunst und ein Kunstwerk können den einzelnen und die
Menschheit nicht dauernd erfreuen. In den Gesetzen der mensch-
lichen Psyche ist es begründet, daß jeder Eindruck wiederholt sich
abschwächt; daher kann die Kunst nie auch nur einen Moment stehen
bleiben; sie muß rastlos nach neuen Formen und Fassungen trachten.'
Solange es überhaupt Kunst gibt, ist sie in ruhelosem Streben nach
Neuem. Der echte Künstler ist ewig ein Suchender. Je nach der
psychischen Disposition, deren Erregbarkeit verschieden ist, der Zeit
und des Volkes vollzieht sich dieser Wandel in langsamerem oder
schnellerem Tempo.

Die Kunst zweier Perioden zweier verschiedener Völker bezeichnen
wir als klassisch, die der griechischen Antike und die der italienischen
Renaissance. Bei der antiken Kunst haben wir einen zwiefachen
Sprachgebrauch, den einen, populären, nach dem die gesamte Kunst
der Antike, zum Teil im Gegensatze zu der des Mittelalters, als klas-
sisch bezeichnet wird, und einen anderen, wissenschaftlichen, der
darunter nur eine Periode der griechischen Kunst, von Pheidias bis
Lysippos, begreift. Nur von diesem zweiten ist hier die Rede. Beide
Perioden sind durch geschichtlichen Zusammenhang und geschicht-
liche Parallelität nahe miteinander verwandt. Aber wir verstehen unter
der Bezeichnung des Klassischen mehr als eine konventionelle Be-
nennung zweier gleichgestimmter Zeiten künstlerischen Schaffens; wir

') Obige Skizze wurde fern von jeder wissenschaftlichen Literatur in ver-
schiedenen Etappen — letzteres buchstäblich — geschrieben. Daher ist von jeder
Bezugnahme auf zugrundeliegende oder abweichende Ansichten abgesehen worden.

Zeitsdir. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XI. 8
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