Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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Bemerkungen.

Zur Erinnerung an Stephan Witasek.

Am 18. April 1915 hat Stephan Witasek in Graz die Augen für immer ge-
schlossen. Schmerz und Liebe verleiten nur zu leicht zum Überschwang der Worte:
die strenge, ernste und selbstlose Art des Dahingegangenen ließe aber jedes zu
laute Gedenken als unangemessen erscheinen. Das abgebrauchte Wort von dem
Leben, das der Arbeit und der Pflicht gehört hat, auf nichts wird es mit mehr Be-
rechtigung anzuwenden sein als auf die nur allzu kurze Spanne Zeit, die Witasek
unter uns geweilt hat. Ernste Pflichterfüllung und unermüdliche Arbeit war die
Richtschnur seines Lebens. Wer ihn nicht näher gekannt hat, wer ihm auch wissen-
schaftlich nicht näher getreten ist, hat vielleicht nichts gesehen als dieses; auf jeden
aber, der auch nur kurz mit ihm in Berührung gekommen ist, hat es tiefen Eindruck
gemacht, vor einem Mann zu stehen, der sich unablässig bemüht, das Rechte zu
tun, soweit es in seinen Kräften liegt. Wer jedoch das Glück gehabt hat, eine
Reihe von Jahren neben ihm zu gehen, der hat dann auch einen Blick in das warme
Leben seines Gemütes tun dürfen. Wohl hatten Schläge des Schicksals Schatten
auf sein Leben geworfen, die sich auf seinem Antlitz spiegelten, sein Wesen aber
war immer weich, verstehend und verzeihend geblieben. Gewiß hat er seine Mit-
menschen mit klugem Scharfblick richtig eingeschätzt, aber niemals mit der Härte
des unerbittlichen Maßstabes gemessen, der für ihn selbst zum Gesetz geworden
war. Strenge gegen sich selbst, Milde gegen andere, soweit sie nur statthaft war,
Freisein von jedem Hauch der Eitelkeit, auch der wissenschaftlichen — das sind
die Hauptzüge, mit denen ich sein sittliches Wesen zeichnen möchte.

Sein Leben hat der Arbeit gehört. Obgleich er in den Jahren dahingegangen
ist, die man die besten nennt, obgleich ihm das Geschick die fruchtbarere Hälfte
des Mannesalters schuldig geblieben ist, ja obgleich er nur Geprüftes und wieder
Geprüftes der Öffentlichkeit übergeben hat, ist die Größe seines Lebenswerkes doch
ansehnlich zu nennen.

Wohl seine stärkste Neigung hat der Ästhetik gehört. Selbst kunstsinnig und
vorzüglich musikalisch, hat er für dieses Gebiet der Forschung eine reiche Erfah-
rung vor aller Theorie zur Verfügung gehabt. So ist es nicht zu verwundern, daß
sein erstes großes Werk eine Ästhetik war. Das Buch, das 1904 unter dem Titel
»Grundzüge der allgemeinen Ästhetik« erschienen, ist sicher allen Lesern dieser
Zeitschrift vertraut; so erübrigt es sich, über seinen Inhalt zu berichten. Es möchte
aber vielleicht doch nicht ganz überflüssig sein, hier mit einem Worte die Stellung
zu berühren, die das Buch Witaseks zu anderen Werken über denselben Gegenstand
einnimmt. Es ist kurze Zeit nach zwei weittragenden Entdeckungen entstanden,
deren Eigenart seinen Charakter mitbestimmen mußte. Im Jahre 1902 hatte Meinong
die »Annahmen« entdeckt und in dem Werke, das er ihnen gewidmet, auf die Sonder-
stellung jener Wissenschaft hingewiesen, der er den Namen Gegenstandstheorie ge-
geben hat. Die Rolle der Annahmen bei Erörterung der ästhetischen Hauptfragen
ist eine sehr bedeutende, und es ist somit unstreitig ein großes Verdienst Witaseks,
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