Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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XIII.

Der Typus des Künstlers in der Dichtung
Thomas Manns.

Von
Karl A. J. Meyer.

Die im Innersten verschiedene Geistesrichtung der klassisch-roman-
tischen und der heutigen Kulturepoche, die man vielleicht mit einigem
Recht als synthetisch und analytisch kennzeichnen kann, gewinnt einen
äußerst charakteristischen Ausdruck in der Auffassung des Phänomens
der Kunst und des Künstlers. Die klassisch-romantische Ästhetik,
beeinflußt durch Theorien des Sturmes und Dranges, ist geneigt, den
Künstler schlechthin dem Genie gleichzusetzen, das als Organ des
absoluten Geistes das Unendliche im endlichen Bilde der Kunst ver-
körpert und der Menschheit entschleiert. So wird die ganze Frage in
ein metaphysisches Mysterium verwandelt, das sich weiterer Auflösung
entzieht, und damit auf ein totes Geleis geschoben. Demgegenüber
stellt die heutige Forschung das Problem auf den Boden exakt-psycho-
logischer Betrachtung, und wenn sie damit auch manchen schönen
Traum zerstört, so hat sie gleichwohl eine Grundlage geschaffen,
auf der sich das Bild des Künstlers von neuem aufbauen läßt, viel-
leicht nicht in dem großartigen Stile jenes philosophisch-metaphysi-
schen Gemäldes, aber im einzelnen wahrer, echter, vertrauens-
würdiger.

Heute wie einst besteht ein merkwürdiger Parallelismus der Auf-
fassungsweise in Wissenschaft und Literatur. Aus der Fülle von
Beispielen, welche die Literatur der Gegenwart bietet, möchte ich
einen Dichter herausgreifen, dem einmal das Problem des Künstler-
tums zum zentralen Problem seines Schaffens geworden ist, und der
zweitens einen um so lehrreicheren »Fall« bildet, als er die eigen-
tümliche seelische Struktur der Gegenwart, aus der er heraus-
gewachsen ist, wesentlichen Zügen nach in vollendet reiner Form
widerspiegelt: ich meine Thomas Mann. Er erlebt als Künstler die
geistige Not und die geistige Auferstehung des zerspaltenen Menschen
von heute mit verdoppelter Gewalt und stellt sie dar in seinem Werke:
so gestaltet er sein eigenes Schicksal zum Symbol der Zeit. Dem ge-
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