Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

Page: 36
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1916/0041
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
IV.

Raum und Geschehnis in Poussins Kunst1).

Von
Viktor Lowinsky.

Die Geschichte der früh-neuzeitlichen Malerei in Italien, das damit
für das übrige Abendland entscheidet, wird durchwaltet von der Aus-
einandersetzung zwischen Fläche und Darstellung: der Akzent wandert
von der Fläche zur Darstellung, von der Darstellung als Betonung
und Steigerung der Fläche zur Befreiung der Darstellung von der
Fläche, soweit, bis sie zum bloßen Malgrund wird und der Eigenraum
des Bildes eine neue Problematik entfaltet. Die Fläche als Raum-
begrenzung ist Träger von Kräften, zentral bezogen auf den Schwer-
punkt des Baues, ihre Bemalung ein Gewebe von Kraftlinien im Dienste
des Zweckes der Wand. In dieser dynamischen und linearen Rich-
tung bewegt sich zunächst einmal die Befreiung der Malerei von der
Fläche: sie führt zur Verlegung des dynamischen Schwerpunktes aus
der Fläche in die Darstellung. Dies der Weg von Giotto bis Raphael.

Dem Cinquecento wird zum malerischen Hauptproblem die
Gruppierung. Inhaltlich gesehen bedeutet dies das Fortschreiten von
der monumentalen Repräsentation der byzantinisch orientierten Kunst
zur Ereignisschilderung, vom Räumlich-Momentanen zum zeitlich
sich Entwickelnden. Die hierin gestellte Aufgabe des Dramatischen
findet nun eine vorläufige Lösung in der Vereinigung des zeitlich
Bewegten und des räumlich Ruhenden zu dem zeitlos Bedeuten-
den; denn dies ist der tiefere Sinn, den Künstler wie Raphael der
Gruppierung um einen Mittelpunkt geben. Diese Lösung faßt die
Bedeutsamkeit aber letzthin nicht in rein optische Form, sondern in
dynamisch-motorische, skulpturale, und somit konnte in ihr die Be-
wegung zur Selbständigkeit des Malerischen nicht zum Abschluß
kommen. Parallel zu ihr und innerlich verbunden mit ihr schon in
Giottos und Masaccios Kunst, verläuft, geschichtlich-logisch, als zweite
Form der Befreiung von der architektonisch bezogenen Fläche, eine
Entwicklung zum rein Optischen.

') Die Arbeit sucht das Werk von Walter Friedländer, Nicolaus Poussin, Mün-
chen, Pipers Verlag, 1913, für die Ästhetik zu nutzen.
loading ...