Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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74 MELITTA GERHARD.

durch diese Hinzufügung das Gesamtbild der Dichtung ein anderes
geworden. Ungeachtet jenes Widerspruchs bleibt bestehen, daß durch
die Danebenstellung eines verwandten Geschicks neben das Werthers
dieses in die Reihe menschlicher Geschicke überhaupt eingereiht ist.
So kommt etwas von der Stimmung aus jenem Verse zur Iphigenie
über uns, das Wort von »menschlichen Gebrechen« tönt in uns,
wenn wir Werthers Schicksal unter dieser Spiegelung betrachten.
Dazu kommt als zweites, daß — wie wir schon bei Betrachtung der
Parallelepisoden im Ur-Werther sahen — durch den ganzen Ur-
Werther hindurch alles nur von Werthers Seele aus gesehen, ganz
subjektiv aus seinem Empfinden heraus geschaut ist; auch der Heraus-
geberbericht gibt nur Bericht oder momentane psychologische Schil-
derungen, aber nie eine Betrachtung des ganzen Geschehens. Durch
die Bauerburschen-Episode aber gewinnen wir einen Standpunkt
außerhalb Werthers (hierzu treten entsprechende Änderungen im
Ton des Herausgeberberichts der zweiten Fassung), sehen sein
Schicksal objektiver, aus einiger Entfernung, gewissermaßen von
einer höheren Warte aus. Die Hinzufügung hat die Dichtung nicht
nur geändert, sondern sie hat in gewissem Maße geradezu ein
anderes Kunstwerk daraus gemacht. Auch die Bauerburschen-Hand-
lung hat an ihrem Teil in hohem Grade dazu beigetragen, das Werk,
wie Goethe es gleich beim ersten Beginn der Umarbeitung im Auge
hatte, »ohne die Hand an das zu legen was soviel Sensation ge-
macht hat ... einige Stufen höher zu schrauben.« Der Werther
den wir heute lesen ist tatsächlich ein nicht unwesentlich anderer
als jener einstige berühmte Werther, er ist in die Sphäre gehoben,
aus der heraus Goethe in der Zeit jener Umarbeitung, die dicht vor
Italien beendet wurde, schuf, und der Stempel von Goethes da-
maliger — von der Entstehungszeit des Werther bereits so ver-
schiedenen — Art des künstlerischen Schauens ist ihm deutlich auf-
geprägt.
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