Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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BESPRECHUNGEN. 83

Künstler Belgiens gar nichts Furchtbares hätten malen wollen, Vertreter des Volks-
tums haben sie oft genug dazu bestellte.

Die Bilder, in denen Grausames geschildert wird, sind zum Teil kirchliche
Triumphbilder; auch in Italien wurden derartige Triumphbilder gemalt, aber »wie
wurde dort das Schreckliche vermieden, das Blutige verdeckt«. Solche Roheit, wie
dieselbe sich bei einem Flamen findet, ist im Süden nicht möglich. Die Belgier
haben früh gelernt, Sterbende und Tote »als etwas den Augen Genußreiches an-
zusehen«, deshalb ist die Gleichgültigkeit der Zuschauer, wie auch auf manchen
Bildern die fanatische Wut des Henkers psychologisch richtig.

Weiter weist Bredt auf die reiche Phantasie, den großen Realismus, die starke
Lebensbejahung und Heimatslust der Belgier hin; als Beispiele hierfür werden
Hieronymus Bosch, James Ensor, Pieter Breughel, Rubens, Brouwer, Teniers und
Andere angeführt. Nicht nur die Märtyrerbilder sind für die belgischen Künstler
charakteristisch, sondern auch die Kirmesbilder; das beste Kirmesbild »von Rubens
im Louvre ist Rausch an Rassegefühlen, die Hymne belgischer Heimatslust und
flämischen Genießens«.

Das Leitmotiv und der Segen der belgischen Kunst ist »Wie die Alten — so
die Jungen«, denn »die Belgier wollen sich gar nicht ändern, nicht im Schlechten,
nicht im Guten. Sie können nicht anders«.

Die Schlußworte der Schrift sind: »Lernt, deutsche Künstler, von der sieghaften
Treue der belgischen Kunst«.

Berlin. Rosa Heine.

Paul Cauer, Das Altertum im Leben der Gegenwart. Zweite, vielfach
verbesserte Auflage. Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und.
Berlin, 1915. VIII u. 131 S.
Theodor Volbehr, Bau und Leben der bildenden Kunst. Zweite Auf-
lage; mit 11 Abbildungen im Text und einem Anhang von 21 Abbildungen.
Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin, 1914. VI u. 92 S.
Die beiden bekannten und oft erwähnten Bändchen der Sammlung »Aus Natur
und Geisteswelt« liegen nunmehr in neuen, verbesserten Auflagen vor. Besondere
Anerkennung in Cauers Schrift verdient die Tatsache, daß er trotz glühender Ver-
ehrung der Antike niemals zu ihrer Nachahmung auffordert oder in zu weit gehen-
der Begeisterung jeden kritischen Rückhalt verliert; vielmehr wirkt überall bei ihm
der gesunde Gedanke: »Keine Entwicklung und keinen Fortschritt gibt es ohne
Überlieferung; was gefunden ist, muß festgehalten werden, um zu größeren Auf-
gaben zu helfen. Aber hier schleicht sich nun jene feindliche Macht ein, die aus
der Tradition ein Hindernis des Fortschrittes macht. Emerson sagt einmal: Jeder
Geist schafft sich ein Haus, aber dann schließt das Haus den Geist in seinen
Grenzen ein.' Das gilt noch mehr für alle die, welche es nicht selbst gebaut haben,
sondern in das fertige eintreten: je wohnlicher es ist, je sicherer man sich darin
fühlt, desto mehr bleibt man eingeschlossen wie von einem Gefängnis.« Und so
*st ihm auch die Antike kein erstarrtes, festgefrorenes Ideal, sondern etwas lebendig
s'ch Entwickelndes, immer Werdendes, und darum bedeutsam für unser Leben und
Werden. Man kann kaum auf wenigen Seiten besser in die Welt Homers oder
die der antiken Tragödie einführen, als dies hier Cauer getan hat. So sei sein
Büchlein weitesten Kreisen angelegentlichst empfohlen!

Bei Volbehr beziehen sich die »Verbesserungen« fast ganz auf das Abbildungs-
material, während der Text sich in dem Jahrzehnt — das diese Auflage von der
ersten scheidet — nur sehr wenig geändert hat. Und das ist recht bedauerlich,
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