Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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90 BESPRECHUNGEN.

der Ästhetik und Kunstwissenschaft, sowie eine gründliche vorurteilsfreie Darstel-
lung des so oft mißkannten Buches von Hildebrand, steht noch aus.

Bei Hildebrand handelt es sich um das Problem der Form, in dem vorliegenden
Versuch um das Problem des Raumes. »Fragt sich H.', wie muß die Form be-
schaffen sein, damit sie die künstlerische Raumvorstellung zum Ausdruck bringt, so
lautet hier die Fragestellung, wie ist der Raum beschaffen, in dem die Formen
gesetzlich erscheinen?« Auf eine Einleitung, die zwischen Fiedler, Hildebrand und
Goethes Farbenlehre eine Verbindung herstellt, folgt der grundlegende Abschnitt
des Buches »Zur Kritik des Gesichtssinns«. Ein zweites und drittes Kapitel be-
schäftigen sich mit der Gesetzlichkeit der bildenden Kunst und der Methodik der
Kunstforschung. Als Beispiel wird vor allem Michel-Angelo herangezogen. Der
Verfasser gibt dabei eine Anzahl vortrefflicher Analysen, wie sie in der modernen
Kunstgeschichte allmählich üblich weiden. Wir beschäftigen uns zunächst mit dem
wichtigen ersten Kapitel. Danach wird auf den zweiten und dritten Abschnitt zu-
rückzukommen sein.

Die Frage lautet: Wie ist unser Gesichtsraum beschaffen? Er ist jedenfalls vom
euklidi sehen Raum durchgängig verschieden. Die beiden Räume sind inkommen-
surabel. Im euklidischen Raum bleiben die Formvorstellungen der Körper bei einer
Verschiebung stets kongruent (geometrisch identisch); im Gesichtsraum unterliegen
die Formvorstellungen der Objekte den Gesetzen der Perspektive. Für das
Auge sind also zwei geometrisch identische Objekte, die sich in diesem Räume in
verschiedener Entfernung von ihm befinden, nicht mehr kongruent. Da der Begriff
des Unendlichen nicht der Erfahrung des Gesichtssinnes entstammt, kann den Ko-
ordinaten des Gesichtsraumes Unendlichkeit im mathematisch-logischen Sinne nicht
zukommen. Die Koordinaten der Höhe, Breite und Tiefe sind aber trotzdem un-
begrenzt, d. h. nicht willkürlich beschränkt. Der Verfasser nennt sie deshalb »evi-
dent unendlich<:. Daß das Axiom von dem konstanten Wert 0 des Krümmungs-
maßes, das für den euklidischen Raum gültig ist, für den Gesichtsraum nicht gilt,
ist längst nachgewiesen. Dagegen teilt der Gesichtsraum das Prädikat der Drei-
dimensionalität mit dem euklidischen.

Der euklidische Raum ist eine Abstraktion. Wenn wir die empirischen Erschei-
nungen uns in ihn hineinkonstruiert denken, so verfälschen wir die unmittelbare
Wirklichkeit, Gesehenes und Nichtgesehenes wird willkürlich zusammengesetzt, an
die Stelle der Wirklichkeit tritt eine Kombination der Welt der Wahrnehmung und
der abstrakten Vorstellung. Die Gegenstandserscheinung fürs Auge wird durch
Qualitäten und Intensitäten (Farbe, Hell und Dunkel) bedingt. (Vgl. Goethes
Farbenlehre.) Bei der Einordnung eines dem Auge erscheinenden Gegenstandes in
den euklidischen Raum gehen die Qualitäten, Intensitäten und die perspektivischen
Verhältnisse verloren und damit »die eigentliche Sprache, durch die der Gesichts-
sinn uns von der Welt Kenntnis gibt«. Neben der Verschiedenheit ihrer Konsti-
tution ist also die Geltung beziehungsweise Aufhebung der sinnlichen Qualitäten
und Intensitäten ein Kriterium der Unterscheidung von Gesichts- und euklidischem
Raum.

Der Raum des Tastsinns ist nach Troß mit dem euklidischen Raum identisch.
Um den Unterschied der Körpervorstellung im Gesichtsraum und der im Tastraum
klarzumachen, muß die fundamentale Trennung der diskursiven von der anschau-
lichen Formvorstellung vollzogen werden. Es ist Troß nicht gelungen, die ent-
scheidende Bedeutung dieses Gegensatzes ganz deutlich vor den Leser hinzustellen.
Die diskursive (abstrakte) Form, die der Formvorstellung im euklidischen Raum ent-
spricht, erhalten wir durch eine Summierung von sukzessiv wahrgenommenen
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