Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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ÜBER DAS ANEKDOTISCHE IN DER MALEREI. 181

werk vor uns, das seinen Selbstwert und seine Eigenständigkeit
erweist durch die untrennbare, organische Einheit und Konzentration,
die es bildet in allen seinen Teilen und Momenten, und die es in
derselben Weise loslöst von seiner Umgebung und für sich stellt,
wie eine Persönlichkeit. In dieser Eigenart des echten Kunstwerks
liegt eingeschlossen jene nicht falsch zu deutende Forderung des
Part pour VarU; in ihr ruht die Berechtigung derselben. Diese
Formung der Idee hat an sich nichts mit Stil zu tun. Sie kann vor
sich gehen in rein naturalistischen Formen, sie kann auch vor sich
gehen in den symbolischen Formen irgend eines Zeitstils, sie kann
endlich die Stärke einer nahezu rein abstrakten Formen spräche er-
langen, wie z. B. in der ägyptischen oder der byzantinischen Kunst.

Je stärker die Formung sich der abstrakten Formensprache reiner
Stilisierung nähert, um so klarer, um so mehr vom reichen Leben ab-
gelöst wird die bearbeitete Idee hervortreten; umgekehrt, je voller und
beziehungsreicher die zugrunde liegende Idee ist, um so lebensnäher
wird die Formung bleiben. Die strengste Stilisierung wird mit dem
abgeklärten logischen Begriff die nächste Verwandtschaft haben J).

Formung also ist das Kriterium des echten Kunstwerks. Sie ist
nicht zu verwechseln mit Formgebung. Formgebung ist die Ein-
kleidung irgend eines Inhalts in eine Form, die als diesem Inhalt
entsprechend gewählt worden, oder um ihrer selbst willen gebaut
worden ist.

Der Begriff der Formgebung führt hin auf jene oben angedeutete
Trennung von Form und Inhalt, die wir bei einem echten Kunstwerk,
zwar wohl bei der kunsttechnischen Betrachtung, nicht aber im Erleben
vollziehen können. Die Formung des echten Kunstwerks war ja die
Bearbeitung einer aus Anschauung gewonnenen, neu zu formenden
Idee.

Wo wir nun die Mitarbeit des Aufbaus der Idee in ihrer künstle-
r|schen Form vor einem Kunstwerk nicht zu vollziehen brauchen,
sondern wo wir nur die Darstellung eines schon vom Künstler als
geformt erfaßten Vorgangs, irgend einer Episode z. B., in künstlerisch
Wertvoller Form genießen, da stehen wir vor jener zweiten Stufe
von Kunstwerken, bei denen wir die Form und den Inhalt unwill-
kürlich immer trennen.

Hier ist irgend ein Vorgang vom Künstler erfaßt worden als ein
'nhaltlich unterhaltender, der zu malerischer Darstellung sich eignet,
und nach diesem Gesichtspunkt ist komponiert worden. Solche Kunst-

') Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß Formung sich hier nicht
a'lein auf die Form, sondern ebensowohl auf die Farbe bezieht.
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