Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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BESPRECHUNGEN. 20Q

daß es nicht angeht, ihn bei Untersuchungen über ihre Wohlgefälligkeit einfach
auszuschalten. Unser Verfasser sieht nun aber seine Aufgabe darin, »dieses Maxi-
mum von Schönheit an teilweise variablen Grundgebilden mathematisch scharf zu
bestimmen«. Auf diese Ausführungen einzugehen, erspare ich mir, weil ich sie nur
für eine geistreiche Spielerei halte. Die Wissenschaft beginnt erst, wo durch gründ-
liche Wesensuntersuchungen ein fester Ausgangspunkt gewonnen wird. Aber was
nützen mir die umständlichsten ästhetischen Maßzahlen, wenn das Problem der
ästhetischen Messung nicht geklärt ist. Das Bewußtsein von der Schwierigkeit
ästhetischer Prinzipienfragen müßte eigentlich jeden schon im vorhinein davor be-
wahren, der verführerischen Lockung glatter Formeln anheimzufallen.
Rostock.

___________ Emil Utitz.

Karl Scheffler, Adolf Menzel. Berlin, Bruno Cassirer Verlag, 1916. gr. 8".
217 Seiten.

Der hundertste Geburtstag Menzels hat uns neben der bei solchen Gelegen-
heiten üblichen Menge begeisterter »Würdigungen« dieses prächtige und tiefe Werk
Karl Schefflers beschert. Schon beim Durchblättern der Abbildungen muß jeder
stutzig werden: zahlreiche berühmte Arbeiten Menzels fehlen, aber andere sind
da — weniger oder gar nicht bekannte — voll erlesener Schönheit. Hier haben
ein selbständiger Wille und ein für künstlerische Qualitäten scharfer Blick die Aus-
wahl besorgt. Und diese gar nicht gering anzuschlagende Leistung strafft die
Erwartung auf die Lektüre. Um es gleich zu sagen: sie wird zu einem hohen Ge-
nuß, denn Scheffler versucht das Künstlertum Menzels in seinem Wurzelwerk zu
'assen, aufzubauen aus der Wesensformel seiner Persönlichkeit.

Hugo von Tschudi und Julius Meier-Graefe haben den jungen Menzel entdeckt.
Die Beweisführungen laufen darauf hinaus, daß Menzel in seiner Jugend ein großer
Und reiner Künstler gewesen sei, daß er später aber mehr und mehr dem Akademi-
schen, dem unkünstlerisch Fleißigen und Genauen, zum Opfer gefallen sei. »Der
Vorwurf, der gegen Menzel erhoben wird, seine Kunst hätte sich nicht logisch im
Sinne seiner Jugendarbeiten entwickelt, sie sei nicht stetig gewesen, hat bis zu ge-
wissen Graden recht, wenn man die Werke vom Menschen ablöst und an einem
absoluten Ideal mißt; es ist aber falsch, wenn er zu einer Verurteilung der Persön-
J'chkeit führt, wenn auch der Charakter Menzels zwiespältig genannt wird. Es ist
'm Gegenteil geradezu die Tragik Menzels, daß er sich als Charakter mit einer fast
Unheimlichen Logik vom ersten bis zum letzten Tag entwickelt hat und daß seiner
Kunst eben die ungeheure Bestimmtheit des Charakters gefährlich geworden ist.
y>e Logik des Persönlichen beginnt auf einem gewissen Punkte der überpersön-
'•chen Logik des künstlerischen Schaffens zu widersprechen: das ist der Fall Menzel.«
Und diesen Fall stellt nun Scheffler dar: Was das Künstlerleben Menzels so merk-
würdig, so eindrucksvoll macht, ist das Wirken des Dämonischen in einem Philister.
'" dieser Natur war beides: dunkle Dämonie und ehrgeizige Philistrosität. Eine
Entelechie großer Art sucht mit einer pedantischen Anlage fertig zu werden. Als
Menzel an Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen arbeitete und in Wirklich-
keit über seiner ganzen Zeit stand, fühlte er doch nur den höchsten künstlerischen
Gehorsam dem Auftrag gegenüber. Das Genie war gewissermaßen heimlich da,
es war geduldet, weil es in seiner ganzen Herrlichkeit nicht einmal vom Künstler
selbst erkannt wurde. Eigenwilligkeit gestand man damals dem Talent nicht zu,
u,1d Menzel fand das ganz in der Ordnung; denn der bürgerlichen Kunstauffassung
er Zeit entsprach durchaus seine bürgerliche Lebensauffassung. Dieses also sind

Zeitsehr. f. Ästhetik u. »11g. Kunstwissenschaft. XI. 14
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