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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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226 GEORG VON LUKACS.

der Sterne erhellt. Alles ist neu für sie und dennoch vertraut, aben-
teuerlich und dennoch Besitz. Die Welt ist weit und doch wie das
eigene Haus, denn das Feuer, das in der Seele brennt, ist von der-
selben Wesensart wie die Sterne; sie scheiden sich scharf, die Welt
und das Ich, das Licht und das Feuer, und werden doch niemals
einander für immer fremd; denn Feuer ist die Seele eines jeden Lichts
und in Licht kleidet sich ein jedes Feuer. So wird alles Tun der
Seele sinnvoll und rund in dieser Zweiheit: vollendet in dem Sinn
und vollendet für die Sinne; rund, weil die Seele in sich ruht während
des Handelns; rund, weil ihre Tat sich von ihr ablöst und selbst-
geworden einen eigenen Mittelpunkt findet und einen geschlossenen
Umkreis um sich zieht. »Philosophie ist eigentlich Heimweh,« sagt
Novalis, »der Trieb überall zu Hause zu sein.« Deshalb ist Philo-
sophie als Lebensform sowohl wie als das Formbestimmende und
das Inhaltgebende der Dichtung immer ein Symptom des Risses zwi-
schen Innen und Außen, ein Zeichen der Wesensverschiedenheit von
Ich und Welt, der Inkongruenz von Seele und Tat. Deshalb haben
die seligen Zeiten keine Philosophie, oder, was dasselbe besagt, alle
Menschen dieser Zeiten sind Philosophen, Inhaber des utopischen
Zieles jeder Philosophie. Denn was ist die Aufgabe der wahren
Philosophie, wenn nicht das Aufzeichnen jener urbildlichen Landkarte;
was ist das Problem des transzendentalen Ortes, wenn nicht die Be-
stimmung des Zugeordnetseins jeder aus dem tiefsten Innern quellen-
den Regung zu einer ihr unbekannten, ihr aber von Ewigkeit her zuge-
messenen, sie in erlösender Symbolik einhüllenden Form? Dann ist die
Leidenschaft der von der Vernunft vorherbestimmte Weg zur voll-
endeten Selbstheit, und aus dem Wahnsinn sprechen rätselvolle, aber
enthüllbare Zeichen einer sonst zum Stummsein verurteilten transzen-
denten Macht. Dann gibt es noch keine Innerlichkeit, denn es gibt

sophische Bezogenheit den Hintergrund zu zeichnen, von dem sich Dostojewsky —
als Künder eines neuen Menschen, als Gestalter einer neuen Welt, als Finder
und als Wiederfinder einer neu-alten Form — abhebt. Die positive Analyse seiner
Werke und seiner geschichtsphilosophischen Bedeutung hätte, so hoffe ich, manches
hier nur Angedeutete durch den ergänzenden Kontrast zur wahren Evidenz gebracht.
Mein Einrücken zum Militärdienst zwang mich die Arbeit abzubrechen, und bei der
hierdurch entstandenen Ungewißheit, wann das ganze Werk vollendet werden kann,
wenn es überhaupt dazu kommt, fühle ich mich veranlaßt, die Abhandlung in dieser
Form der Öffentlichkeit zu übergeben; sie behandelt ja, soweit es in diesem Um-
fang möglich ist, dennoch einen begrenzten Gegenstand in einer erstrebt erschöpfen-
den Weise. Wenn sie freilich — wegen der äußeren Umstände — nicht nur der
beabsichtigten systematischen Einordnung, sondern auch an einigen Stellen der
letzten Feile ermangelt, so bitte ich den Leser dies nicht ausschließlich mir zur
Last zu schreiben und sich bei der Lektüre womöglich an das Positive und Ge-
leistete: an das Spezialproblem dieses Abschnittes zu halten.
 
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