Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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444 BEMERKUNGEN.



düng: »Das künstlerische Genie zeigt sich immer nur in der Bereicherung und Ver-
tiefung der Regeln, niemals in feiger Umgehung«').

Während die nach dem äußeren Material, nach den Kunstleibern urteilende Be-
trachtung von außen her zu einer Gliederung der verschiedenen Künste führt, bildet
die Vergleichung der verschiedenen Kunstseelen — ganz abgesehen von der äußeren
Form, den Kunstleibern — den Einteilungsgrund für die engeren oder weiteren
seelischen Gemeinschaften und Verwandtschaften der Kunstwerke untereinander.
Die Begriffe (»Allgemeinbegriffe«) und Worte (nicht leere Worte, sondern sinn-
volle Worte »Individualbegriffe«), die bei derartiger Untersuchung gefunden werden,
sind im wahren Sinn des Wortes innerlicher Natur. Sie zu verstehen, bedeutet
mehr, als den geschichtlichen Zusammenhang der Kunstwerke gegenwärtig zu haben.
Vielleicht wird es bald allgemeine Erkenntnis, daß z. B. eine leidenschaftlich be-
wegte Friesfigur vom Zeusaltar in Pergamon einem Wagnerschen Musikdrama ver-
wandter ist als der Grabstele der Hegeso aus dem fünften vorchristlichen Jahr-
hundert; dabei ist die Grabstele ein Werk aus derselben Kunst wie die Friesfigur
und liegt ihr auch der Zeit nach um viele Jahrhunderte näher als die Wagnersche
Schöpfung.

') Max Dessoir, Objektivismus in der Ästhetik.
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