Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

1796 aus der Prosa herzuleiten; zumal auf die „rhythmische Prosa" Hölderlins der
rhythmische Begriff der eigentlichen Prosa nicht angewendet werden kann, wie
Böhm es tut. Vor allem spielen hier schon Fragen der frei-rhythmischen Form
eine Rolle, deren Erörterung zu weit führte. (Ich verweise dafür auf meinen Aufsatz
im Juliheft des Jahrgangs XXII dieser Zeitschrift.) Auch bleiben hierüber die Er-
gebnisse des zweiten Bandes abzuwarten.

Kirchheimbolanden (Pfalz). Rudolf Krieger.

Benno v. Wiese: Friedrich Schlegel. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der romantischen Konversionen. (Philos. For-
schungen, hrsggb. v. K. Jaspers), Berlin, Springer, 1927, 122 S.
Die geistesgeschichtliche Erfassung Fr. Schlegels stellt keine leichte Aufgabe.
Man verkennt den Sinn des Fragments, der eigentümlichen Ausdrucksform dieses
Geistes, wenn man es in systematischer Schwere, aber auch wenn man es als bloßen
Einfall nimmt. Entsprechend hat sich die Einschätzung zwischen zwei Extremen
zu halten: weder darf sie nach der Höhe einer phantastischen Ambition messen, die
sich neben die Größten der Menschheit zu stellen wagte, noch darf sie diese die
eigenen Grenzen überfliegende Phautastik des Wollens als den Wahn eines verstie-
genen Einzelnen biographisch abtun. Der Verf. gewinnt den angemessenen Stand-
punkt seiner Beurteilung, indem er innerhalb der allgemeinen Geistesentwicklung
von der Klassik zur Restauration die geistige Physiognomie Fr. Schlegels sich ab-
zeichnen läßt. Dessen unvergleichlich repräsentative Bedeutung für diesen Ge-
schichtsabschnitt ist mit Sicherheit und Feinheit dargestellt.

An dieser Stelle interessiert vor allem die ästhetische Bedeutung Fr. Schlegels.
Die eine Seite seiner Kunsttheorie, die mit ihrer Rechtfertigung des „Interessanten"
zum Ausgangspunkt einiger Grundbegriffe der modernen, antiklassischen Ästhetik
wurde, tritt entsprechend der biographischen Absicht in der vorliegenden Arbeit
zurück. Dafür tritt die Frage nach der Stellung der Kunst in der geistigen Exi-
stenz — das große Anliegen der deutschen Ästhetik seit Winckelmann und Herder
— in ihrer ganzen, für die Geistesgeschichte Schlegels fundamentalen Bedeutung
klar hervor. An allen Wendungen dieser Frage lassen sich die Stadien der Gesamt-
entwicklung ablesen. Anfänglich galt im Sinne des klassischen Geistes: daß die
Kunst um der Menschheit willen da sei. Später, mit der Entwicklung der roman-
tischen Lebensform und Kunstwertung, wird „die Lehre von der Bestimmung der
Kunst und der Religion durch die Sittlichkeit durch die von der Bestimmung der
Sittlichkeit durch den Kunstgeist abgelöst". (S. 73.) Die Übersteigerung des
ästhetischen Autonomiebegriffes und seine Entartung zu theoretischer Willkür und
praktischer Verantwortungslosigkeit bezeichnet eine allgemeine Zersetzung, die
einer Krise zutreibt und mit der Flucht in das „Gehäuse" der katholischen Kirche
endet. Der Endsituation mit ihrer Entspannung aller bisher treibenden Antinomien
entspricht die Entmündigung und Unterbringung der Kunst. Sie soll nun zur Ver-
klärung der geoffenbarten Religion dienen. Wie die Philosophie ist sie „auf das
Göttliche nur gerichtet, das allein die Theologie besitzt". (S. 116.) — Die Frage
nach dem Verhältnis der Kunst im Ganzen des Daseins, ein Problem, mit dem die
Kunstheorie seit ihren Anfängen in der griechischen Philosophie gerungen hat, ist
hier mit biographischer Deutlichkeit als Existenzfrage dargestellt.

Berlin. Helmut Kuhn.
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