Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

des Urmeister" und „Aufbau der Lehrjahre" verbergen sich Inhaltsangaben. In
der Einleitung zu den „Wanderjahren" tritt neben das Geschichtliche, das natürlich
überall dem Leser übermittelt wird, aber hier nicht zur Erörterung steht, eine päda-
gogische Ausführung, die zwischen „Allseitigkeit" und „Totalität" scheidet. (Wo-
bei ich die Bemerkung nicht unterdrücken kann, daß das üble Wort Totalität mich
stets an Lokalität erinnert.) An den „Wahlverwandtschaften" hebt Walzel die kultur-
geschichtliche Bedeutung hervor, beschreibt aber auch die Struktur des Romans und
ihre zahlenmäßige Genauigkeit.

Ewald A. Boucke gibt vor dem Abdruck von „Dichtung und Wahrheit" auf
153 eng bedruckten Seiten eine Einführung in Goethes selbstbiographisches Schaf-
fen. Zu einem Autobiographen gehört „der Sinn für Wert und Bedeutung des
Erlebten und der Trieb, das eigene Lebensbild als ein zusammenhängendes Ganzes
neu erstehen zu lassen". Der Rohstoff, behaftet mit Zufälligkeiten, aufbewahrt in
einem unzuverlässigen Gedächtnis, soll stilisiert werden. Für die Stilisierung stehen
drei Formen zur Verfügung: die erste entspricht dem Typus des heroischnaiven
Menschen, die zweite ist durch das Ideal der Lebensführung bestimmt und daher
vorwiegend ökonomisch-rational geartet, die dritte verfolgt den Prozeß der Lebens-
entfaltung und gelangt erst im Zeitalter des ästhetisch-sentimentalen Menschen zur
Blüte. — Bei einem Überblick über das Altertum erörtert Boucke Goethes Stel-
lung zur Maximenbiographie (Seneca), zu Augustin (Faustische Motive in den
„Konfessionen"), zu Petrarca (gewissermaßen einem Vorläufer Werthers) und der-
gleichen mehr. Lehrreiche Mitteilungen über deutsche Hauschronik, Vaganten-
biographie und vor allem über Montaigne führen zu einer Betrachtung über den
Gang der Entwicklung im 18. Jahrhundert. Hier vermisse ich einen Hinweis auf
die weltanschauliche Enge, die damals im deutschen Schrifttum herschte; auch mit
der Auffassung Rousseaus bin ich nicht ganz einverstanden. Hingegen las ich
mit besonderer Freude das Kapitel über Karl Philipp Moritz, den ich ja vor mehr
als vierzig Jahren zum Helden meiner philosophischen Dissertation erwählt hatte:
dieser Moritz bleibt doch eine der anziehendsten Persönlichkeiten aus jener Zeit.
Was nun Goethe selbst anlangt, so wird die Bedeutung seiner Metamorphosenlehre
auch für seine Psychologie hervorgehoben, und diese wird im allgemeinen treffend
geschildert. Vielleicht hätte das Verhältnis des Seelischen zum Körperlichen noch
einläßlicher geprüft werden können; bewundernswert, wie Goethe selbst es beobach-
tet hat, ohne in Grübelei und Selbstbespiegelung zu fallen. Sehr aufschlußreich ist
der letzte große Abschnitt: Goethes Selbstzeugnisse nach Darstellungen und Quellen.

Die Einleitungen zu den letzten Bänden, so wertvoll sie an sich sind, enthalten
wenig, was für den Leser unsrer Zeitschrift in Betracht kommt. Die Ausgabe im
ganzen scheint mir in Rücksicht auf philologische Treue höchsten Lobes wert; ihre
äußere Erscheinung ist sehr erfreulich. Möge sie in der von Wilhelm Raabe ge-
wiesenen Richtung wirken: „Goethe ist der deutschen Nation garnicht der Dichterei
usw. wegen gegeben, sondern daß sie aus seinem Leben einen ganzen vollen Men-
schen von Anfang bis zum Ende kennen lerne."

Berlin. Max Dessoir.

Wilhelm Dilthey, Gesammelte Schriften, III. Band: Studien
zur Geschichte des deutschen Geistes. — VII. Band: Der Auf-
bau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaf-
ten. Leipzig und Berlin 1927, Teubner.
Es ist immer eine Freude, neu erschienene Bände aus Wilhelm Diltheys

Gesammelten Schriften anzuzeigen. Sie machen das Bild des verehrungswürdigen
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