Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

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inneren Glückseligkeit" bedeutet. Umso lieber bin ich dem Verfasser gefolgt, wenn
er daran geht, die Wirkungen der „Gioconda" zu ermitteln. „Wer, die Mona Lisa
im Herzen, die großen Galerien Europas durchwandert, wird vergeblich auf ein
Erlebnis fahnden, das diesem ebenbürtig wäre. Erst bei dem fernen Rembrandt, der
eine der italienischen Hochrenaissance diametral entgegengesetzte Sprache spricht,
vor Bildern wie der Saskia, der Judenbraut und den späten Selbstporträts, findet
der Suchende Ruhe und neue Erschütterung."

Auf den überaus wichtigen „Kritischen Anhang" kann an dieser Stelle nicht
eingegangen werden, obwohl er auch dem Ästhetiker zu denken gibt. Doch eins
sei noch gesagt: Hildebrandt wird nicht nur dem Künstler, vielmehr dem ganzen
Menschen Leonardo gerecht — seiner Nervenkraft, die es ihm erlaubte, neben
sezierten und schon verwesenden Leichnamen zu schlafen, seiner erstaunlichen
wissenschaftlichen Begabung, seinen technischen Leistungen (Pumpenwerk, Seil-
maschine, Radschloß, Geschützmörser).

In Leonardos Aufzeichnungen steht ein Satz, mit dem diese Anzeige geschlossen
werden soll: „Große Liebe entspringt aus großer Erkenntnis des geliebten Gegen-
standes."

Berlin. Max Dessoir.

Ulrich Christoffel, Die deutsche Kunst als Form und Aus-
druck. Augsburg 1928. Dr. B. Filser-Verlag.

R.de Lasteyrie, L'A r ch i t e c t u r e religieuse en France ä l'epoque
g o t h i q u e. Ouvrage posthume, publie par les soins de M. Marcel Aubert.
2 Bde. Paris 1927. Auguste Picard.

Das Ringen um die Erkenntnis des „Wesens der deutschen Seele" nimmt mehr
und mehr den Charakter eines tief erregenden Kampfes an: „ich lasse Dich nicht,
Du segnetest mich denn". — Indem man das mystisch im Dämmer liegende Zen-
trum in immer engeren Kreisen umschwirrt, wagt man bald von diesem, bald von
jenem peripherischen Punkt aus einen Vorstoß nach innen, in der Hoffnung, endlich
einmal an irgend einer Stelle durch alle Schalen und Hüllen zum Wesenskern
durchzustoßen und diesen nicht nur in seinem Sein, sondern in der alles durch-
dringenden und belebenden Bild- und Formkraft klarzulegen. Bildende Kunst und
Musik haben dabei als Ausdrucksformen deutschen Seelenlebens die Führung; die
Literatur folgt in geringerem Abstand. Staat, Politik, Recht, Wirtschaft bilden das
bescheidene Gefolge.

Wenn Ulrich Christoffel sein Buch über deutsche Kunst schon durch den
Titel, den er wählte, in klarer Weise als „Problembuch" bezeichnet, so darf man
natürlich keine Kunstgeschichte im üblichen Sinn des Worts von ihm erwarten. Viel-
mehr werden die Tatsachen, die chronologische Reihung, die gebräuchliche ästhe-
tische Wertung beim Leser im allgemeinen als bekannt vorausgesetzt; auch kurze
biographische Daten, die gelegentlich eingeflochten werden, sind, ebenso wie ein-
gehende Bildanalysen, nur als Mittel zum Zweck schärferer Problemstellung und
-klärung, nicht als Selbstzweck, zu deuten.

Will man versuchen, dies Problem, wie es in großen Kapiteln 1. Geschichte und
Landschaft, 2. Die Wege zur Form: Bildschnitzerei, Zeichnung, Malerei, Archi-
tektur, 3. Kunst und Künstler, 4. Der Bilderkreis, 5. Natur und Kunst, aufgerollt
ist, auf eine knappe Formel zu bringen, so kann man es am besten mit den eignen
Worten des Verfassers am Schlüsse seiner kurzen Einleitung tun: „wo war in aller
Relativität der Form und hinter allem geschichtlichen Wechsel der Stilarten jenes
Absolute und Identische des künstlerischen Ausdrucks zu
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