Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

Page: 326
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1929/0340
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
IL

Max Dauthendey und der moderne Panpsychismus.

Von

Ferdinand Josef Schneider.

Wirft man die Frage auf, wieweit das Weltbild der deutschen Dich-
ter-Expressionisten, deren Kunst heute nunmehr auch schon historisch
geworden ist, bereits innerhalb der oft auch als „Neuromantik" bezeich-
neten impressionistischen Epoche vorbereitet war1), so muß man meines
Erachtens einen weltanschaulichen Zug herausgreifen, der für die gei-
stige und ethische Haltung des Expressionisten und damit auch für
seine ganze künstlerische Praxis von größter Bedeutung war. Es ist
das Bewußtsein, mit allen Teilen des Kosmos in engster Verbindung zu
stehen und auch im nichtmenschlichen Organismus, ja selbst im toten
Ding ein beseeltes Geschöpf anerkennen zu müssen, das man, wie
einst Franz von Assisi, mit verstehender Milde, ja mit dem innigsten
Gefühl der Brudernähe zu behandeln hat2). Man konnte in dieser pan-
psychistischen Tendenz nur solange eine trennende Scheidewand zwi-
schen expressionistischem und impressionistischem Welt- und Lebens-
gefühl erblicken, als man den innern Reichtum und die innere Vielgestal-
tigkeit der Literaturentwicklung um 1900 verkannte und in Nietzsche und
Stefan George die geistigen Paten bzw. Führer der Epoche sah. In Wirk-
lichkeit ist die seelisch-geistige Struktur dieser Zeit viel komplizierter.
Wenn man ferner Rilke als einen Vorläufer des Expressionismus in An-
spruch nahm, weil er mit seinem Kult der Dinge der panpsychistischen
Neigung der spätem Kunst jünger vorgearbeitet hätte, so traf man damit
zweifellos das Richtige, aber auch nicht in jedem Zuge. Denn Rilke
feiert auf Grund seiner mystischen Einstellung das Ding, weil es nicht
den Sündenfall des Menschen mitmachte, da es dem göttlichen Allwillen
keinen Eigenwillen entgegensetzte oder entgegenzusetzen vermochte3).

!) Eine Untersuchung über die geistesgeschichtlichen Grundlagen der impressio-
nistischen Epoche behalte ich mir vor.

2) F. J. Schneider, Der expressive Mensch und die deutsche Lyrik der Gegen-
wart, Stuttgart 1926, S. 137 ff.

3) E. Gasser, Grundzüge der Lebensanschauung Rainer Maria Rilkes, Bern 1925,
S. 21.
loading ...