Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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MAX DAUTHENDEY UND DER MODERNE PANPSYCHISMUS. 327

Und er feiert weiter das Ding, weil es sich allen menschlichen Gefühls-
äußerungen gegenüber neutral verhält, weil es darauf mit keinen Ge-
gengefühlen, weder solchen des Hasses, noch der Liebe reagiert. Rilke
bevorzugt also, streng genommen, das Ding gerade deshalb, weil es der
Seele ermangelt1). Aber schon vor dem Erscheinen von Rilkes Stunden-
buch, worin sein Kult der Dinge den edelsten dichterischen Ausdruck
fand, bestand bei deutschen Schriftstellern um die Jahrhundertwende
eine ausgesprochene Lieblingsneigung, sich das Weltall vom toten Ding
und niedersten Wurm an bis zum letzten Gestirn hinauf als beseelt zu
denken.

Mit dieser panpsychistischen Tendenz wird wieder ein gut Teil
romantischer Weltanschauung ans Licht gehoben. Der Dichter hält das
Universum wieder für einen Organismus und sich selbst für Merlin, der
die Sprache der Bäume versteht. Er sehnt sich zurück in Zeiten, wo
man den Hain mit Dryaden und die Gewässer mit Nymphen und Naja-
den bevölkerte. Er glaubt an eine Weltseele oder Allseele und Paul
Scherbart verkörpert in der Sternseele „Kaidöh" einen Faust, der, wie
der Lenau'sche, nach dem Tode begehrt, um zur Vereinigung mit dem
„Allgeist" zu gelangen'2).

A. Soergel hat wohl als Erster in gelegentlichen Hinweisen3) die-
sen Panpsychismus moderner Schriftsteller mit einem Wiederaufleben
von Gustav Fechners Ideen in Zusammenhang gebracht. Eingehender
als er hat Josef Nadler gerade am Beispiel Bruno Willes dargetan,
welche Bedeutung Fechners Allbeseelung für die deutsche Dichtung um
die Jahrhundertwende gewinnt4). Nur müssen wir es ablehnen, mit
Nadler eine Erklärung für die immerhin auffallende literarische Erschei-
nung im ostmitteldeutschen Hang zur Naturmystik zu suchen. Es
scheint vielmehr, daß die panpsychistische Tendenz eine Folge des Zu-
sammenbruchs der materialistisch-mechanischen Weltauffassung ist, die,
seit der Jahrhundertmitte von nicht eigentlich zünftigen Philosophen
lebhaft propagiert, Bildungsgut eines großen Volksteils geworden war.
Ihr Ende war besiegelt, als Du Bois Reymond sich über die Schwierig-
keit, Bewußtseinstatsachen rein materialistisch erklären zu können, mit
seinem berühmten „Ignorabimus" hinweghalf. Als dann Haeckel auch
dem Atom schon Empfindung, also psychisches Leben, wenn auch nur in
elementarster Form und in dürftigstem Ausmaß zusprach, war immer-
hin ein erster Spatenstich zum Abbau des mechanisch-materialistischen

1) Gasser a. a. O., S. 19.

2) Liwüna und Kaidöh. Ein Seelenroman, Leipzig 1902, S. 73 f.
8) Dichtung und Dichter der Zeit, 10. Aufl., S. 584, 596.

4) Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften IV (1928),
S. 665 ff.
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