Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BESPRECHUNGEN.

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Man wird es begrüßen, daß der Verfasser die im Original nicht jedem zugäng-
lichen Meditationes verdeutscht beigefügt hat. Die Übersetzung ist lesbar und zu-
verlässig. Für die Wiedergabe der Kunstausdrücke sind in glücklicher Weise die
Übersetzungen in Wolffs „Vernünftigen Gedanken ..." verwendet (z. B. Witz für
ingenium). Einige Lese- oder Übersetzungsfehler scheinen auf Druckfehler des zu-
grunde gelegten Exemplars der Meditationes zurückzugehen (z. B. § 9 Scholion
„gefährliche Liebschaften" für „Besingung von Liebschaften"; R. scheint zu lesen:
ad cavendos statt canendos amores). Eine bedeutendere Entstellung des Sinnes er-
gibt sich nur in § 42. R.: „Das verworrene Erkennen einer Vorstellung ist
für das Gedächtnis sensitiv. Es ist daher sensitiv, § 3, und poetisch, § 12." Das
gibt schon deshalb keinen Sinn, weil die erste Folgerung nicht eine bloße Wieder-
holung der einen Prämisse sein kann. Es muß heißen: Das verworrene Wieder-
erkennen einer Vorstellung ist Sache des sensitiven Gedächtnisses. Es ist daher
sensitiv, § 3, und poetisch, § 12. (Confusa repraesentationis recognitio est memoriae
sensitivae, hinc sensitiva § 3 und poetica § 12.) An einigen Stellen leidet die Deut-
lichkeit der logischen Struktur unter der unvermeidlichen Zerlegung der lateinischen
Perioden in kürzere Hauptsätze.

Berlin. Helmut Kuhn.

Josef Heller, Solgers Philosophie der ironischen Dialektik.
Berlin 1928. Verlag von Reuther und Reichard. 212 S.

Das Schicksal der philosophischen Leistung Solgers ist ein eigentümliches
gewesen. Bei Lebzeiten des Denkers wurde sie von Fichte, Schelling und Hegel
stark in den Schatten gerückt und später — in den Philosophiegeschichlen zumal —
ebensowenig gerecht eingeschätzt; ja, man glaubte, sie „kurz abmachen" oder gar
überhaupt nicht erwähnen zu dürfen. Dabei war Solger ein spekulativ hoch begabter
Kopf, dessen eigenwillige Gedanken näher kennen zu lernen entschieden sich lohnt.
Hellers Buch ist das erste, welches sich dieser — wie zugegeben werden muß —
harten und dornigen Aufgabe mit wirklichem Erfolg unterzieht. Galt es doch, die
in Einzelschriften und Briefen Solgers mehr oder weniger verstreuten Gedanken in
eine stichhaltige systematische Ordnung zu bringen. Daß Solger selbst ein solches
System nicht schriftlich niederzulegen vermochte (sachlich ist es unbedingt vorhan-
den), gehört wohl mit zu den Hauptgründen seiner philosophischen Wirkungsenge.
Man muß z. B. das Gespräch „Erwin" gelesen und sich entsetzt haben über die
ungewöhnlich umständliche Ausdrucksweise des Denkers, um die Hellersche Arbeit
vollauf würdigen zu können. Hellers Buch bietet außerdem eine scharf formulierte
Darstellung der philosophischen Problemlage des sog. spekulativen Idealismus, des-
sen Grundfragen durchaus die Solgerschen sind, nur, daß Solger z. T. neue Ant-
worten gefunden hat. ,

Zur Charakteristik der Solgerschen Philosophie ist nun zu bemerken, daß wir
es hier mit einem hervorragend abstrakten Gedankenkunstwerk zu tun haben;
Solger besitzt aber für den Gehalt sogar noch der lebenfernsten Begriffe ein hoch-
empfindsames, sehr zu bewunderndes Einfühlungsvermögen!

Das Hauptproblem der Solgerschen Philosophie ist dasjenige von der Einheit
der individuellen Erscheinungen mit dem Allgemeinen (den Begriffen i n den Er-
scheinungen), und er sucht wie Fichte, Schelling und Hegel nach einem ontologisch-
logischen Prinzip, das den genannten Grundgegensatz in sich aufheben könnte. Er
findet es im (absoluten) Selbstbewußtsein, der höchsten Einheit unseres
Erkennens, die als Einheit durchaus über der Subjekt-Objekt-Spaltung steht. Es
handelt sich bei diesem „Selbstbewußtsein" wohlgemerkt nicht um das empirische,
sondern um das in den Erkenntnisakten des empirischen Subjekts als Einheitsfaktor
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