Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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II.

Das Mysteriöse und das Numinose als ästhetische

Gefühlstypen.

Im besonderen Hinblick auf die Ballade.
Von

Walter Bathge.

Die Untersuchung ästhetischer Gefühlstypen, die geschichtlich be-
trachtet mit Erörterungen über die Grundgestalt des „Schönen" einsetzte,
hat, wie Werner Schingnitz jüngst hier ausführte (Zeitschr. für Ästh. u.
allg. Kunstwsch. Bd. XXII, 1928, S. 253 f.), im zweiten Bande der Vol-
keltschen Ästhetik einen gewissen Abschluß gefunden. So Anerkennens-
wertes aber auch hier der Altmeister geleistet hat, so verblaßt doch seine
Methode der einfachen Charakterisierung und Namengebung, verbunden
mit dem Hinweis auf die in Frage kommenden Kunstwerke gegenüber den
Mitteln, die auf religionspsychologischem Gebiete jüngst in Anwendung
gebracht worden sind von Rudolf Otto, der in seinem Buche „D a s
Heilige" in klassischer Weise den Gefühlstypus des von ihm soge-
nannten „Numinosen" festlegte. Freilich hat Otto, vielleicht aus dem
Streben heraus, das Numinose nicht auf einer Basis mit ästhetischen Ge-
fühlen erscheinen zu lassen1), die bisher geleistete ästhetisch-psychologi-
sche Vorarbeit ignoriert, was sich z. B. in seinen Ausführungen über das

') Vgl. R.Otto, a.a.O. 15. Auflage S. 58 A. 1; ferner Aufsätze, das Numinose
betreffend. Gotha 1923. S. 136. — Die Trennung ästhetischer und religiöser Ge-
fühle steht hier ebensowenig zur Erörterung wie eine religionsphilosophische Aus-
einandersetzung mit Rudolf Otto. Zu beanstanden ist im Hinblick auf unser Pro-
blem nur, daß für Otto vom Standpunkte des Neufriesianismus aus das Sittliche
stets ein Rationales ist (vgl. auch Wobbermin, Kantstudien Bd. XXXIII, S. 215 f.).
Dies führt ihn dazu, das oben nach seinen Darlegungen erörterte „Numinose" un-
richtig abzugrenzen gegenüber dem „Heiligen". Denn einmal ist nach ihm das
letztere vom „Numinosen" dadurch unterschieden, daß es objektiven Wert in sich
besitzt — der u. E. aber auch dem Numinosen in ästhetischer Gestaltung zukommt,
so daß unter dem objektiven Wert nur das Hinzutreten eines sittlichen Momentes
verstanden werden kann. Darauf deutet Otto selbst, wenn er andernorts (West-
östliche Mystik. Gotha 1926, S. 265 ff.) im Zug der Seele zu höchster Lauterkeit
und Reinheit das Objektive findet, womit er zweifellos ein ethisches und dabei doch
gefühlsmäßiges Moment einführt. Damit aber entwertet er sein zweites Unterschei-
dungsmerkmal (Das Heilige S. 63), wonach das Irrational-Numinose sich erst durch
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