Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 24.1930

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BESPRECHUNGEN.

Hans Prinzhorn und Kuno Mittenzwey, Krisis der Psycho-
analyse. I. Band. Auswirkungen der Psychoanalyse in Wissenschaft und Le-
ben. Der neue Geist-Verlag. Leipzig, 1928. 412 S., geh. 18 Mk, geb. 22,50 Mk.

Die Psychoanalyse, von den einen gläubig hingenommen, fanatisch propagiert,
bis in absurdesten Konsequenzen verfolgt, von den andern ignoriert, schneidend kri-
tisiert, mit gehässigsten Beschimpfungen beworfen, hat mittlerweile die Wissenschaf-
ten vom physischen, seelischen und kulturellen Leben des Menschen in einem nur
mit der Hegeischen Philosophie oder gar der Entwicklungslehre vergleichbaren
Maße beeinflußt. Diese Einflüsse darzustellen und auf ihre Stichhaltigkeit zu unter-
suchen, hat sich der vorliegende erste Band des Werkes zur Aufgabe gemacht, wäh-
rend der zweite die Kritik des psychoanalytischen Lehrgebäudes selber bringen soll.

Die Einleitung bilden 2 Aufsätze, die eine historische und psychologische Cha-
rakteristik der Psychoanalyse geben. Im ersten weist Prinzhorn auf die geistes-
geschichtliche Verwandtschaft mit der Lebensanschauung der Romantik, auf die Vor-
läuferschaft Schopenhauers und Nietzsches, die Anklänge bei Kierkegaard, den Ein-
fluß Herbarts und die Beziehungen zur französischen Psychiatrie hin; im zweiten
zeigt Kunz als affektive Grundlagen der psychoanalytischen Weltanschauung Ent-
täuschung und Haß auf und leitet daraus die metaphysischen Voraussetzungen
Freuds über den Menschen als Triebwesen, die Destruktions- und Todestriebe, und
den sekundären Charakter des Geistigen ab.

Die folgenden acht Arbeiten, die das eigentliche Thema des Werkes, die Aus-
wirkungen der Psychoanalyse in Angriff nehmen, zeigen und kritisieren ihren Ein-
fluß auf die Geisteswissenschaften.

Mittenzwey erörtert in seinem Referat über „Psychologie und Psychoanalyse"
die übertriebene Bewertung des Widerstandsbegriffs in der Psychoanalyse und cha-
rakterisiert die letztere als Vorstellungsdynamik, Triebdynamik und personale Psy-
chologie. Prinzhorn untersucht die Beziehungen zwischen Charakterologie und
Psychoanalyse, wobei er allerdings nur die Klages'sche Charakterologie im Auge
hat und die biologischen Richtungen Ewalds, Hoffmanns und Birnbaums vernach-
lässigt. Thurnwald legt überzeugend dar, wie wenig die Psychoanalytiker die kul-
turellen Besonderheiten der verschiedenen Zeiten und Gesellschaften berücksichtigt
haben und wie ungerechtfertigt darum ihre Verallgemeinerungen sind. Volhard ge-
steht der Psychoanalyse einen beträchtlichen Wert für das Verstehen der Psyche des
Dichters und damit für die Literaturwissenschaften zu. Das größte Interesse be-
ansprucht an dieser Stelle die Arbeit von Sydows über „Kunstwissenschaft und
Psychoanalyse". Die Psychoanalyse hat durch den Nachweis der Bedeutung der
Symbolik im Seelenleben die Lehre vom künstlerischen Symbol vertieft und bereichert;
indem sie ferner das Kunstwerk als Ausdruck verdrängter Regungen des Künstlers
auffaßt, diese Regungen aber als allgemein-menschliche erweist, erklärt sie den
Widerhall, den es in den Seelen der Menschen erweckt, und eröffnet so ein neues
Verständnis der inneren Verbundenheit zwischen Künstler und Publikum. Drittens
hat Freud das Unheimliche eines Erlebens durch Wiederbelebung verdrängter infan-
tiler Komplexe oder überwundener animistischer Anschauungen erklärt; er hat auch
gezeigt, daß der Witz sich derselben Mechanismen der Verschiebung, Verdichtung
und des Widersinns bedient, die im Traum und überhaupt im unbewußten Seelen-
leben herrschen; weiter hat von Sydow selbst die Bedeutung sexueller Symbolik in
der primitiven Kunst untersucht; endlich ist auch der psychoanalytische Hinweis
auf die Auswirkung verdrängter Triebe in Kunstwerken als Gewinn zu betrachten.
Dagegen kann die Psychoanalyse nicht angeben, warum Verdrängungen bei manchen
Menschen in so großem Ausmaße erfolgen, warum verdrängte Regungen überhaupt
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