Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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Hermann Glockner: Friedrich Theodor Vischer und das
neunzehnte Jahrhundert. Berlin 1931, Junker und Dünnhaupt.

Fr. Th. Vischer hatte ein bewegtes Leben, reich an Konflikten, von denen er
selbst uns einiges berichtet. Ich weiß nicht, ob H. Glockner das genügend in Rech-
nung gestellt hat. Mache ich damit dem Verfasser dieser sehr wertvollen Arbeit
einen Vorwurf? Das täte ich ungern. Er könnte mir erwidern, daß er mit gutem
Vorbedacht die Biographie des Dichter-Philosophen fast vollständig beiseite gelassen
habe, daß er Besseres habe tun wollen, daß seine klar umgrenzte Aufgabe gewesen
sei, das Denken Vischers in seinen Ergebnissen, nicht in seinem Werden zu be-
trachten, ihm seinen Platz anzuweisen und zu zeigen, welche Bedeutung es heute
noch hat.

Diesen Gründen beuge ich mich von vornherein. Und dennoch mag es mir er-
laubt sein, zu bedauern, daß das ausgezeichnete Anfangskapitel des Buches, über-
schrieben: Vischer als ethisch-politische Persönlichkeit, nicht stärker belebt ist
von den persönlichen, so bedeutsamen Erfahrungen, von den Kämpfen, den Wand-
lungen dieses feurigen, leidenschaftlichen, kriegerischen Mannes, der manchmal die
Höhe einer fast heroischen Sittlichkeit erreichte.

Von der Theologie und von der Moral kommt er zur Politik. Das Bild ist ge-
troffen, das uns knapp den Publizisten zeigt, den Volksvertreter, den unermüdlich
Reisenden, dessen Artikel, dessen Vorträge (die manchmal Ärgernis erregten), dessen
Reisenotizen von den ebenso klaren wie tiefen ethischen Gedanken, die ihn beherr-
schten, ihr Gewicht und ihre Wirkungskraft empfingen. Aber gehen wir weiter. Die
politische Ethik Fr. Th. Vischers, sein Patriotismus, seine sozialen Ansichten ent-
springen alle einem Kulturideal, von dem wir uns eine genauere Charakteristik
wünschten. Ich finde hier vor allem ein Verlangen nach harmonischer Zivilisation,
das man auf den Humanismus seiner Jugend zurückführen muß. Man kann nie ge-
nug betonen, wie stark diese Generation, die in der geistigen Atmosphäre des Tübin-
ger Stifts erzogen wurde, dem Gedanken der Klassik verfallen war. Man sehe sich
ihre Studienhefte an, und man wird begreifen: für die Stadt, die ideale Demokratie,
von der Vischer träumt, gab die antike Polis, mit den Augen der Philosophen ge-
sehen, das Urbild. Ihre Hauptzüge stammen daher. Das Reich, das Vischer kommen
sah und dem zuliebe er der bismarckschen Lösung der deutschen Frage zustimmte,
war für ihn das harmonische Vaterland, fortgewachsen mit den Erfordernissen der
neuen Zeit, und Bürge einer neuen Kultur. Gefühlspolitik? Professorenpolitik?
Mag sein. Aber was würde aus der Welt, wenn die Realpolitiker nicht immer wie-
der von den Ungenügsamen lernten, für die das materielle Gelingen nichts ist, wenn
es nicht höheren humanen Zielen dient? ... Ich wünschte, daß offen gesagt würde,
wie Vischer, zuerst Abgeordneter auf der Frankfurter Nationalversammlung, sich
später von seiner Heimat trennen mußte, und wie er an seinem Lebensabend seine
Entwicklung und die europäische beurteilte. Diese moralischen Naturen fordern viel.
Aus Treue gegen ihr Andenken wollen wir ihre Ansprüche nicht verwässern, selbst
wenn sie uns die Ruhe stören.

Es ist kaum möglich, eindringlicher als Glockner die Entwicklung der Hegel-
schen Ideen und die wichtigen Modifikationen, die sie in der Ästhetik Vischers er-
fahren, darzustellen. Dies Werk ist großartig, weniger noch durch den Oberfluß
seiner logischen Diskurse, seiner künstlerischen Einsichten, als durch die außer-
gewöhnliche Kraft der Synthese, die es bezeugt. Man mag selbst, wie es die Stunde
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