Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BESPRECHUNGEN.

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sich wohl nur auf Grund einer umfassenden und vertieften Ontotogie und Phäno-
menologie der Seinsarten befriedigend lösen, die auch für all die Seinsarten Raum
hat, die es außer dem realen, dem idealen, aber auch dem „rein intentioiialen"
Sein noch gibt.

Trotz dieser Vorbehalte ist das Werk in jeder Richtung als ein ganz wesent-
licher Fortschritt zu begrüßen. Es wird sich hoffentlich als ein fruchtbares und
„lebendiges" Werk erweisen besonders auch für die Literaturwissenschaft, die heute
noch immer nach den ihr angemessenen „literaturgeschichtlichen Grundbegriffen"
sucht, entsprechend den „kunstgeschichtlichen Grundbegriffen", die Wölfflin für die
bildende Kunst entwickelt hat. Eine Strukturanalyse wie die von I. scheint dazu
berufen, eine der Grundlagen für deren systematische Erforschung abzugeben.

München. Herbert Spiegelberg.

Kamillo Huemer: Das tragische Dreigestirn und seine
modernen Beurteiler. VI und 100 S., Wien und Leipzig 1930.

H. diskutiert ein gutes halbes Dutzend literaturgeschichtlicher und dramatur-
gischer Fragen zur griechischen Tragödie. Sein Buch ist ein Plädoyer für den ge-
sunden Menschenverstand, bzw. für die harmlose Unverbildetheit. Im Gegensalz
zu der heute innerhalb und außerhalb der Fachkreise herrschenden Anschauung, daß
eine Klarheit über Sinn und Wesen der griechischen Tragödie nur in beschränktem
Maße und nur auf dem Wege mühevoll-komplizierter Arbeit unter denkbar größter
Verfeinerung der wissenschaftlichen Instrumente möglich sei, will uns H. glauben
machen, es handle sich um durchaus simple Tatbestände von handgreiflicher Ein-
fachheit, die nur die noXvnQayiuxrdvt) und bombastische Wichtigmacherei der heu-
tigen Philologie so ungebührlich kompliziert habe. Gewiß, än?.ovg 6 ßv&og zijg
ä/.t]ddag tcpv, und es wäre auch nicht das erste Mal, daß der Wissenschaft der
Gegenstand selbst mit seiner durchsichtigen Gliederung und Schichtung unter dem
Gestrüpp ihrer überwuchernden „Fragestellungen" und traditionellen Probleme aus
dem Blicke geschwunden wäre. So scheint es mir z. B. durchaus beherzigenswert,
wenn H. nach sorgfältiger Untersuchung der für die gegenteilige Ansicht heran-
gezogenen Stellen zu der Überzeugung kommt, daß Klytemnästra so gut wie
Orestes bei Aischylos von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Auftreten zu ihrer
Tat stehen und im Bewußtsein ihres rechten Handelns nicht irre werden (Kap. I).
Es sieht wirklich so aus, als seien Unschlüssigkeit vor der Tat und Reue nach
der Tat hier im wesentlichen erst durch die Interpretation hineingebracht wor-
den, und zum mindesten erwächst uns nach H.s Ausführungen die Pflicht, noch
einmal unvoreingenommen zu prüfen, welchen Rückhalt diese modernen Auffas-
sungen am Text des Werkes selber haben. Auch die besonders von Tycho von
Wilamowitz propagierte Meinung, daß es den sophokleischen Gestalten an festen,
konsequent von Anfang bis Ende bewahrten Charakterzügen mangele, bedarf
der Revision (Kap. II); der richtige Eindruck, daß Sophokles' Gestaltungswille
sich primär ganz anderen Aufgaben als der Charakterzeichnung und einheitlichen
Modellierung seiner Figuren zugewandt hat. darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß
man bei der Mehrzahl seiner Figuren durchaus konstante Wesenszüge feststellen
kann und daß auch die Verschiedenartigkeit der Situationen und der durch sie be-
dingten menschlichen Reaktionen die einheitliche Substanz des i)!)og unbeeinträchtigt
läßt. Soweit lassen wir uns gerne belehren und sind für den Hinweis auf die Be-
denklichkeit mancher festgewurzelten Überzeugung und manchen gelehrten Ver-
suches der letzten zwanzig Jahre dankbar.
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