Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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BESPRECHUNGEN.

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deutung zu besitzen, über die K. sich leider nicht geäußert hat. Abgesehen von der
Aufnahme der Yorckschen Gedanken durch Heidegger1) scheint mir diese Bedeu-
tung in dem neuen Bewußtseinsbegriff zu liegen, den Y. geprägt und in seinen
historischen Bemerkungen bewährt hat, obwohl man gerade in letzterer Beziehung
auf die Aufschlüsse warten muß, die die weiteren Veröffentlichungen aus seinem
Nachlaß bringen werden. Der neue „historische" Bewußtseinsbegriff geht über das
bisher in der Forschung seit Descartes Erreichte insofern hinaus, als er als weiteres
konstitutives Moment des Bewußtseins das Stehen in einer Daseinsposition findet,
die ihrerseits nicht zur freien Wahl steht. Der Mensch weiß sich in Selbstauslegung
jeweils in einer als so und so verstandenen Welt, er weiß sich unter einer ihm über-
legenen Gewalt, die er entsprechend „seiner" Welt und seinem Selbstverständnis
begreift. Von dieser Position seines Daseins, deren er in der Selbstbesinnung sich
versichern kann, wird seiner Erkenntnis ihre Thematik vorgegeben, die also keine
ewige, weil nicht „frei schwebende" ist, sondern die stets auf die Existenzposition
zurückweist, von der aus sie Thematik, d. h. Problematik ist. Mit diesem neuen
Begriff vom Bewußtsein, der zugleich eine neue Bestimmung des Menschen im Sinne
einer philosophischen Anthropologie ist, wird über den uns von unserer philosophi-
schen Tradition überkommenen Bewußtseinsbegriff hinausgegangen, auch und ge-
rade über den Brentanoschen, und damit ist in der für die neuzeitliche Philosophie
seit Descartes zentralen Problematik des Bewußtseins eine neue und wichtige Etappe
erreicht. Der „historische" Bewußtseinsbegriff scheint mir für die philosophische
Problematik unserer Tage von ebenso großer Bedeutung zu sein, wie er als Leit-
faden aller historischen und philosophiehistorischen Forschungen fungieren muß,
deren Relevanz für die sachliche Problematik gerade er begründet.

Berlin-Halensee. A. Ourwitsch.

Joseph Froebes: Lehrbuch der experimentellen Psycholo-
gie, Bd. II. 3. Auflage. Herder, Freiburg 1929.

Der II. Band des umfassenden Werkes von Froebes (die zweite Auflage dieses
Bandes ist in der Ztschr. f. Ästhetik Bd. 20 besprochen worden), behandelt „vor
allem die höheren Geistesfähigkeiten, das Verstandesleben im engeren Sinn, die Ge-
mütsbewegungen, das Willensleben nebst den wichtigsten Tatsachen über die Ent-
wicklung des Geistes im Individuum wie in der Menschheit, endlich die pathologi-
schen Zustände ..., soweit ihre Darstellung zum tieferen Verständnis der Seelen-
tätigkeiten förderlich erscheint". Dieser Band kann sich nur in viel geringerem
Maße auf Ergebnisse der experimentellen Psychologie stützen als der I. Band, denn
die hier behandelten Gebiete sind (mit wenigen Ausnahmen) noch wenig durch-
forscht.

Im Rahmen dieser Zeitschrift interessiert besonders Abschnitt VIII Kapitel III:
»Die ästhetischen Gefühle" (die Psychologie der Ästhetik). Wie schon die Über-
schrift besagt, treibt Froebes hier Ästhetik vom Standpunkt des Psychologen, d. h.
er interessiert sich hauptsächlich für die Vorgänge, die im Beschauer ablaufen bei
der ästhetischen Betrachtung. Wir folgen seiner Darstellung:

§ 1. Der ästhetische Gegenstand und das ästhetische Verhalten. Es stehen sich
eine objektivistische und eine subjektivistische Meinung in bezug auf den ästhetischen
Gegenstand gegenüber. Für die objektivistische verweist F. auf die Literatur, er
selbst vertritt die subjektivistische These in bezug auf die Schönheit: „für die Schön-

*) M. Heidegger, Sein und Zeit § 77.
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