Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BESPRECHUNGEN.

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Gegenteil der Inhaltsästhetik, Hanslicks Autonomieästhetik aber ist — nicht etwa
die Synthese von Inhalts- und Formästhetik, wie man meinen könnte — das Jen-
seits der beiden genannten Richtungen: sie steht jenseits der Formästhetik nicht
weniger als jenseits der Inhaltsästhetik, wie ich dies in dem angegebenen Buch
näher begründet habe. Daß S. die Richtung Hanslicks von der Nägelis scharf
unterscheidet, verdient Beachtung und Anerkennung, auch wenn er über den Wahr-
heitsgehalt der beiden anti-inhaltsästhetischen Richtungen nichts sagt und es unter-
läßt, die Richtung Hanslicks als die allein das Wesen der Musik adäquat erfas-
sende anzuerkennen. Nicht richtig ist, daß die von Hanslick so energisch vertretene
Richtung der Autonomieästhetik von Hanslick gegründet ist! Hanslick hatte in
Deutschland seit 1800 und in Frankreich bereits seit dem letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts viele Vorgänger!

Hanslicks Vorgänger waren die Musikautonomieästhetiker: Blairville, Laugier,
Marmontel, Boye, Chabanon sowie Wackenroder, Tieck, E. T. A. Hoffmann, Grill-
parzer, Herbart und der junge Richard Wagner. Romantischste Dichter sind unter
den Ahnen und Glaubensfreunden des einst als „Formalist" verlästerten musik-
besessenen Autonomie-Fanatikers Eduard Hanslick!

Wien. Felix M. Gatz.

Helmut Schultz, Johann Vesque von Püttlingen. Band I der For-
schungsarbeiten des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig.
Regensburg, 1930, Gustav Bosse.

Ein guter Anfang für die geplante Reihe des Musikwissenschaftlichen Insti-
tuts in Leipzig, gut die Wahl des Themas, gut seine Bearbeitung. Mit der Wahl
des Themas bekennt sich erfreulicherweise wieder eines der Universitätsinstitute
zu der Ansicht, daß Untersuchungen über die Musik des 19. Jahrhunderts endlich
nicht mehr als Musikkritik abzulehnen, sondern als ernsthafte Wissenschaft zu
werten sind. Mit der Wahl gerade Johann Vesques zeigt sich, daß die Wissen-
schaft sich dem gleichen Gebiet zuzuwenden beginnt wie ein großer Teil der zeit-
genössischen Musik: der Musikausübung des Dilettanten. Denn Johann Vesque
von Püttlingen war Jurist und Diplomat des biedermeierlichen Wiens, seine Musik
ist ihm nie Beruf gewesen, sie blieb Liebhaberei, geschaffen für Stunden geselligen
Beisammenseins, in denen Vesque selbst seine Lieder vorgetragen hat.

Helmut Schultz läßt erst die Persönlichkeit Vesques (sein Komponistenname
ist Johannes Hoven) aus der politischen, soziologischen und künstlerischen Situation
des vor- und nachmärzlichen Wiens herauswachsen (Kapitel 1—3 und 8) — so
weitet sich Musikwissenschaft zur Zeitgeschichte! —; dann führt er den Leser über
die „peripheren" Werke (Klaviersonaten, Streichquartette, Messen, Opern), Werke,
denen allen die innere Überzeugungskraft fehlt — denn „peripher" heißt: „ihre
Entstehung vorwiegend einer inneren oder äußeren Verlockung" verdankend (S. 42)
— zu den Liedkompositionen Vesques, unter denen die Kompositionen der Gedichte
Heinrich Heines den „zentralen" Punkt bedeuten („zentral" heißt: „die Eigenart
des Schöpfers mit Notwendigkeit" aussprechend, S. 42). Der Kernpunkt des
Vesqueschen Schaffens, die Heine-Lieder werden nach 4 ästhetischen Grundquali-
täten der Heine-Dichtungen eingeteilt, denn eine nachformende Musik untersteht
den gleichen Kategorien wie die nachzuformende Dichtung (vgl. S. 187 und 188).
Das sentimentale, das tragische, das scherzhafte, das ironische Heine-Gedicht fin-
den eine Nachdichtung in Vesques Liedern, wobei vor allem die Ironie Heines
Wesensverwandtes in Vesque auszulösen scheint, so daß Vesques Musik sich zu
einer „Psychologisierung der Ironie" (S. 236 und 242) gestaltet.
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