Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BESPRECHUNGEN.

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besonders aber die philosophische, dankbar sein darf. In der literarischen Hochflut,
die sich im Goethe-Jahre über uns ergossen hat, gehört es zu den ganz wenigen
Arbeiten, die den Tag und auch das Jahr der Gedächtnisfeier überdauern werden
und wirklich berufen sind, fortzuwirken und Licht in die Tiefen Goetheschen Gei-
stes zu verbreiten.

Jena. Bruno Bauch.

Wolfgang Stechow: Apollo und Daphne. Studien der Bibliothek War-
burg, Band 23. Leipzig 1932. B. G. Teubner.

Betrachtet man die bisher erschienenen Schriften der Bibliothek Warburg, so
löst sich als thematisches Grundmotiv dasjenige der „Verwandlung" heraus. Sei es
nun Wandlung im logischen Prozeß als Herleitung des Abbildes vom Urbilde in
Allegorie und Symbol, sei es im historischen Sinn in der Verfolgung des Wieder-
geburtsgedankens in den verschiedenen geschichtlichen Restitutionen und Renais-
sancen oder sei es im anschaulichen kunsthistorischen Sinn als Formen- und Ty-
penverwandlung. Überbau jener Wandlungs- und Metamorphosenstudien sind die
Sternbilder-, Himmelfahrts- und Mysterienuntersuchungen, die zu dem eigentlichen
Lichtquell jener Gedankenströme zurückführen. Es ist Aby Warburgs dämonisches
Lebensgefühl selber, das zutiefst den mephistophelischen Satz erfahren hat:

„Gestaltung, Umgestaltung

Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung."

Oder wie er es in einer durch Luther angeregten ethisch ordnenden Formulierung
ausgesprochen hat: „per monstra ad sphaeram". Im wachsender Sublimierung steigt
das menschliche Geist- und Gestaltbewußtsein vom heillosen Reich der Dämonen
bis zur mathematischen Sphärenharmonie auf. Es ist der Vollkommenheitsweg der
Menschheit, der immer wieder von leidvollen Rückfällen in das wirre Reich des
Dämonischen zerrüttet wird. Hier tritt helfend, weil klärend, die Funktion des ge-
schichtlichen Denkens ein. In Wort und Bild fixiert sich e i n Moment des geistigen
Gesamtweges, und in dem er ist, weist er schon auf ältere Formen des Daseins
zurück, auf kommende hinaus. Das sich dieser Momente und ihrer isolierten Zei-
chen bemächtigende geschichtliche Denken in seiner Funktion als ein verknüpfen-
des Vorstellen ist also bereits ein Deuten und damit — religiös gesprochen — ein
Erlösen aus den Banden des nur Zufälligen. So sah es Burckhardt, so erlebte es
Warburg. Kunstgeschichte hieß für Warburg, die Zeichen zum Sprechen bringen
und sich damit von ihrer quälenden, starren Fixiertheit befreien. Nur ein agressiv
von der Unerbittlichkeit der Ding- und Geistwelt angesprochener Mensch konnte
dahin getrieben werden, das künstlerisch Formulierte so sehr wieder in den vom
Zeitstrom durchfluteten Werdensprozeß zurückzuführen. Bei dieser Betrachtungs-
art mußte das kleinere Kunstwerk, indem es sich als Glied eines Grundthemas zu
erkennen gab, unendlich an Bedeutung gewinnen, indes — wie mir scheint — die
großen Menschheitsschöpfungen dieser Betrachtungsweise gemäß ihrem absoluten
ästhetischen Charakter einen zäheren Widerstand entgegensetzen. Es ist wenig-
stens nicht die essentia, der Wesensgrund, den dann solche Einstellung zutage för-
dert. Darin liegt unverkennbar die Gefahr der Warburgschen Denkweise, die aber
keine Methode war, weil sie aus einmaliger, eigenster Notwendigkeit geboren
wurde.

Wird die Sehweise Warburgs von jüngeren Gelehrten angeeignet — und es ist
dies eine wachsende Gemeinde —, so wird sie sich in dem Maße fruchtbar erweisen,
als das Thema den Verwandlungscharakter schon in sich trägt — aber auch in dem
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