Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BESPRECHUNGEN.

was F. versucht, ganz und gar aus der Literaturwissenschaft selbst herausgewachsen.
Und demgemäß sehen diese Gegensätze, die F. aufzeigt, auch gänzlich anders aus,
liegen in ganz anderen Kategorien. Schon daß die Gegensätze Barock und Goethe-
zeit heißen, zeigt, daß sie aus rein literaturgeschichtlichem Betrachten — und
zwar nur der deutschen Dichtung — entstanden sind. F. äußert seine fruchtbaren
Gedanken sehr zurückhaltend, bleibt bei den Tatsachen und vermeidet es, irgend-
welche konstruktiven Gegensatzreihen aufzustellen. Man würde ihm selbst wohl am
wenigsten einen Gefallen tun, wenn man seine Gedankengänge systematisierte. Ohne
also systematisieren zu wollen — denn es kommt nicht auf die Formel, sondern
auf die Sache an —, seien wenigstens einige seiner Gegenüberstellungen genannt:
gesellschaftliche Dichtung (objektive Haltung, Gesetz, allgemeiner Inhalt) — in-
dividuelle Dichtung (subjektive Haltung, Gefühl, konkreter Inhalt); rhetorische
Form (dichterische Sprache als richtige Bezeichnung für sachlichen Verhalt) —
Ausdrucksform (dichterische Sprache als packender Ausdruck für persönliches Er-
lebnis); Allegorie (Trennung von Sache und Idee; dichterischer Held als Trans-
parent einer Idee) — Symbol (Verschmelzung von Sache und Idee; dichterischer
Held als Individuum); Natur auf das Ich bezogen und Geschichte moralisch syste-
matisiert — das Ich in die Natur eingegliedert und die Geschichte als Entwicklung
psychologisch betrachtet.

Nun ist aber — in so großen Umrissen gesehen — Dichtung für uns noch
fast das gleiche wie für die Goethezeit (nämlich Erlebnis- und Ausdrucksdichtung),
und daher gibt F. mit seinen Vergleichen nicht nur im Geschichtlichen bleibende
Gegensätze, sondern bewußt den Gegensatz des Barock zu uns. Ohne Formeln
aufzustellen, interpretiert er immer wieder das Werk selbst. Und erläutert er auf
diese Weise einerseits die Fremdheit des Barock für die Goethezeit und uns, so
zeigt er anderseits auch das Moderne und uns Nahe bei G. im Gegensatz zum
Mittelalter. Durch solche Gedankengänge stellt sein Buch immer wieder jede kleine
Einzelheit an ihren Ort inmitten weiter Kraftfelder und führt den Blick des Lesers
von dem eigentlichen kleinen Gegenstand immer wieder auf das große Gebiet
deutscher Geistesentwicklung und Wesensausprägun g vom Mittelalter bis zur
Gegenwart.

Berlin. Erich Trunz.

Hubert Schrade: Ikonographie der christlichen Kunst. Die
■ Sinngehalte und Gestaltungsformen. I. DieAuferstehungChristi. Groß-
Oktav. Mit 205 Abbildungen auf 52 Tafeln. XII und 390 Seiten. Verlag Walter
de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1932.

Die vorliegende Ikonographie der Auferstehung Christi, dereii Veröffentlichung
ein umfassend angelegtes Arbeits-Programm in eindrucksvoller Weise einleitet,
zeigt die von ästhetischen Problemen geleitete Kunstgeschichte auf einem neuen
Weg. Der Gegensatz zwischen einer reinen Formen geschichte und einer schlichten
Geschichte der Darstellungs i n h a 11 e ist aufgegeben. Es wird vielmehr der Ver-
such gemacht: die ikonographischen Probleme zugleich als formale erscheinen zu
lassen, wobei klar hervortritt, daß der Sinngehalt der christlichen Kunst ein außer-
ordentlich komplexer ist. Eine in formaler Analyse aufgehende Darstellung könnte
hier den Aufgaben, welche sich der Geschichtschreiber stellen muß, niemals ge-
nügen; denn sie würde nur das Verhältnis von Form und Stoff, nicht aber das
Verhältnis von künstlerischer Phantasie und religiösem Dogma oder — vor
allem! — das noch so gut wie unerkannte Verhältnis von Kunst und Kultus be-
rücksichtigen. Trotzdem handelt es sich auch bei Schrade um eine Geschichte der
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