Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Kunsterkenntnis und Kunstverständnis

Von

Richard Müller-Freienfels

I. Das Problem des adäquaten Kunsterlebens

Ein zentrales Problem aller Ästhetik wie aller Kunstwissenschaft,
einerlei ob sie historisch oder psychologisch oder nach einer anderen
Methode betrieben wird, ist dadurch gestellt, daß das Kunstwerk, wie
es vom Künstler geschaffen und dem Nacherlebenden „gegeben"
ist, keineswegs immer identisch ist mit dem Kunstwerk, als welches es
vom Publikum erlebt wird. Was in dem geschaffenen Werke „ge-
geben" ist, ist nur Anregung, Auslösung, Voraussetzung für das Kunst-
erleben anderer Menschen, die das Gegebene ungleich reich und tief, ja
oft sogar ungleich „richtig" in sich zur seelisch-geistigen Wir-
kung bringen. Der Moses des Michelangelo oder eine Symphonie
Beethovens sind für kunstfremde Menschen überhaupt keine „Kunst-
werke", sondern je nachdem die etwas sonderbare Darstellung eines
bärtigen Mannes oder eine Folge von mehr oder weniger langweiligen
Tonfiguren, während sie von anderen als höchste Offenbarungen des
Menschengeistes erlebt werden.

Zwar ist es nicht leicht, die künstlerischen Erlebnisse verschiedener
Menschen untereinander zu vergleichen, weil sie sich im Innern der Seele
abspielen und sich in Worten nur höchst unzulänglich beschreiben lassen;
immerhin gibt es z. B. in der Musik oder in der Dichtung, wo dritte
Personen reproduzieren, was als objektive Gegebenheit in der Partitur
oder im Buche vorliegt, die Möglichkeit festzustellen, wie außerordent-
lich ungleich das gleiche Werk aufgefaßt, gedeutet, dargestellt wird.
Selbst dort, wo vollendetes Können und der ehrliche Wille, das Werk
wesensgemäß zu gestalten, zusammenkommen, bestehen grelle Verschie-
denheiten, die nicht nur Unterschiede der äußeren Darstellung, sondern
auch der inneren „Auffassung" sind. Und es ist ohne weiteres anzu-
nehmen, daß auch alles rein rezeptive Erleben von Werken der bildenden
wie der musischen Künste uns nicht weniger verschieden erscheinen
würde, wenn wir die Möglichkeit hätten, die Seelen der sie erlebenden
Personen mit irgendwelchen mystischen Strahlen so zu durchleuchten,
daß das Erleben sichtbar würde. Und so unzulänglich die Sprache zur
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