Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Bemerkungen

Amarna*)

Von

Gerh. v. Mutius

Wie sehr Kunst und Leben zusammenhängen, wie gewaltsam jede Trennung des
Ästhetischen vom Historischen wäre, oder, noch allgemeiner gewandt, wie sehr Form
und Inhalt sich gegenseitig bedingen und bestimmen, dafür sind die Ausgrabungen
von Amarna, die eine besondere internationale Anziehungskraft innerhalb der Ber-
liner Sammlungen ausüben, ein überzeugendes Beispiel. Denn erst auf dem Hinter-
grund jenes einzigartigen Dramas, das die Geschichte des Ketzerkönigs Ame-
nophis IV. fast \% Jahrtausende vor Christi Geburt zu einem so geheimnisvollen
Kapitel der Menschen- und Religionsgeschichte gemacht hat, gewinnen alle die
zarten Darstellungen, namentlich die Porträts aus dem Bildhaueratelier des Thut-
mosis, in denen der wertvollste Teil der Amarnafunde besteht, jene suggestive, jene
Strahlungs-Kraft, die überzeitliche Bedeutung, durch welche sie dem liebevollen Be-
schauer von heute etwas ganz Persönliches sagen und sind.

Vergegenwärtigen wir uns kurz die geschichtliche Lage. Nachdem um 1800 a.Chr.
das sogenannte mittlere ägyptische Reich unter dem Ansturm der aus Asien heran-
drängenden Hyksos zusammengebrochen war, setzte nach 1600 eine Bewegung gegen
den Landesfeind ein, an der das ganze ägyptische Volk sich erhob und auflebte, und
die von der Defensive zum Angriffe übergehend schließlich große Gebiete Vorder-
asiens in Abhängigkeit von Ägypten brachte. Dieses sogenannte Neue Reich war
das erste uns bekannte Weltreich längeren Bestandes. Die Ägypter waren in dieser
Erhebung zu einem kriegerischen Volk geworden, welches das neu aufgekommene
Kampfmittel des rossebespannten Streitwagens in gegen früher sehr veränderten
Schlachten den entwickelten und gleichfalls kriegerischen Völkern Vorderasiens
gegenüber zu handhaben gelernt hatte. „Es herrschte der Geist des Rittertums mit
seinem Tatendrang und Schwung, dem Glanz höfischen Lebens und der Verklärung
des Kampfes." Reichtum und Kulturgut aller Art strömte nun aus Asien nach
Ägypten herein. Auf die Kämpfe folgten Zeiten sicheren Genusses, verfeinerten
Prunkes. Der Hausrat wurde von erlesenem Geschmack. Den Höhepunkt dieser
Periode bildete die fast vierzigjährige Regierung Amenophis III. um 1400 a. Chr.
Der Nachfolger dieses glänzenden Herrschers auf der Höhe der Macht war der aus
der Ehe mit der Königin Teje entsprossene „Ketzerkönig" Amenophis IV. Die Köni-
gin Teje soll nicht besonders vornehmen Standes gewesen sein. Aber daß sie ein
starker und ursprünglicher Mensch, daß sie das war, was Goethe „eine Natur"
nannte, sagt uns schon der herrliche kleine holzgeschnitzte Kopf, der nach ihr
benannt ist. Alles daran ist Kraft und glühendes Leben. Mit ihr ist vielleicht jene

*) Grundlage dieser Gedanken über Amarna bildet die 7. Sendschrift der Deut-
schen Orientgesellschaft 1931 „Amarna in Religion und Kunst" von Heinrich Schäfer.
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