Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Idee und Form im Werke Knut Hamsuns

Von

Katharina Kanthack-Heuf eider

Alles künstlerische Scharfen und Wirken setzt die Möglichkeit eines
einzigartigen, eben des ästhetischen Mitteilungsprozesses
zwischen Mensch und Mensch voraus.

Dieser Prozeß aber spielt sich zwischen zweipolarenGegeben-
heiten ab. Er geht aus von der in der Phantasie gestalteten Idee, die
in der Seele des Schaffenden entsteht und von ihm dem äußeren Stoffe
überantwortet wird. Und er mündet bei der Idee, wie sie vom Genie-
ßenden aus dem Stoffe gelöst wird und in seinem Bewußtsein nun gleich-
sam wieder aufblüht.

Beide Ideen sind dabei Ergebnisse der Phantasietätig-
keit : nicht nur die ursprünglich vom Künstler geschaute, sondern auch
die vom Betrachter erlebte. Nur indem es von der Einbildungskraft des
Aufnehmenden umspielt wird, kann das Kunstwerk Sinn und Wirkungs-
fähigkeit erlangen.

Allerdings ist die Phantasieleistung beim schaffenden Künstler eine
andere als beim Betrachter.

Der Künstler tritt als der spontan Handelnde auf, sowohl bei
der Gestaltung seiner ursprünglichen Vorstellung des Kunstwerks wie
auch in der Wahl des eigentümlichen Mittels, des Organon, durch das
er seine Schöpfung dem Aufnehmenden zusenden will.

Dieses Mittel ist ihm ein geprägtes, mit Leidenschaft wie mit Sorg-
falt gestaltetes physisches Gebilde. Es darf nicht etwa als die Form
der Idee angesehen werden, denn schon die ursprüngliche, rein psy-
chische Manifestation des Kunstwerks in der Seele des Schaffenden ist
gestaltete Idee. Aber jenes in irgendeinem Stoffe zur physischen
Wirklichkeit gewordene Gebilde spielt die Rolle des übertragenden
Mediums von Mensch zu Mensch.

Der künstlerische Wille vermag die Materie mit ihren visuell, aku-
stisch und haptisch zu fassenden Qualitäten in rätselhafter Weise zum
Träger seelischer Intensität zu machen, indem er in die zunächst ästhe-
tisch neutrale Gegenstandssphäre bestimmte Daten hineinlegt. Dadurch
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