Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Das russische Italienerlebnis im 19. Jahrhundert

(Fortsetzung aus Heft 2)
Von

A. Hackel

„Außer Rom gibt es kein Rom in
der Welt; ich wollte eigentlich sagen:
kein Glück und keine Freude, doch
Rom ist mehr als Glück und Freude".

Gogol.

Für die russische geistige Elite der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts bedeutet Italien als „Bundeslade antiker und christlicher Bil-
dung" eine unerschöpfliche Quelle geistiger und seelischer Bereicherung.
Das klassische Land forderte von den Söhnen des „neuveränderten
Rußlands" eine Auseinandersetzung mit denjenigen Mächten, die die
Kultur des Abendlandes im Laufe von mehr als 2000 Jahren befruchtet
und bestimmt haben: mit der Antike, dem christlichen Mittelalter und
der Renaissance.

Verschiedenartig war das Erleben Italiens bei den russischen Italien-
wanderern. Während die meisten unter ihnen mit neugierigen Blicken
des unbefangenen Weltreisenden Kunst, Landschaft und das farbig be-
lebte Volkstum eines fremden Landes an sich vorüberziehen lassen,
dringen einige Auserwählte bis zum ewigen Wesen des klassischen
Landes vor und erkennen mit Staunen und Entzücken in Italien die
„Heimat ihrer Seele"39).

Unter den damaligen „Italienpilgern" lassen sich deutlich zwei
soziale Gruppen unterscheiden. Auf der einen Seite finden wir die Ver-
treter des reichen russischen Feudaladels, auf der anderen Seite sind es
die russischen Künstler — zumeist mittellose Akademiestipendiaten —,
die Rom zu ihrem Wallfahrtsort machen.

In den damals wirtschaftlich und politisch ohnmächtigen italienischen
Ländern mußte das Auftreten der reichen, ungezwungen sich bewegen-
den russischen Aristokraten, die für ihre Sammlungen erlesenste Kunst-
werke erwarben, beträchtliches Aufsehen erwecken.

39) Gogol, Brief an Balabina. November 1837. Schönrock, Materialien zur Bio-
graphie Gogols. Petersburg 1892, Bd. I, S. 492.
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