Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BEMERKUNGEN

Die Entführung des Ganymed

Von

Gerhard v. Mutius

Als im XX. Buch der Ilias Aeneas dem ihn schmähenden Peliden seinen vor-
nehmen Stammbaum entgegenhält, heißt es:

„Aber von Tros erwuchsen die drei untadligen Söhne,
Ilos, Assarakos und der göttliche Held Ganymedes,
Welcher der schönste war der sterblichen Erdenbewohner,
Ihn auch rafften die Götter empor; Zeus Becher zu füllen,
Wegen der schönen Gestalt, daß er lebte mit ewigen Göttern."

Und im V. Buch der Ilias werden die edlen Rosse erwähnt, die Zeus dem Tros einst
als Entgelt für den geraubten Ganymed geboten hatte.

Zwei Motive scheinen diese älteste Form der Ganymedessage zu beherrschen:
Die Götter begehren das Schöne und wollen ihm nahe sein, und das Schöne muß
dem Verfall entzogen, aus den Zufällen des Menschengeschicks gerettet werden. Die
edlen Rosse als Gegengeschenk lassen dann den Ganymed beinahe nur als schönen
Sklaven erscheinen, der den Göttern verkauft wurde.

Die Form, in der sie uns heute noch lebendig ist, gewann die Sage aber erst
durch die bildende Kunst des 4. Jahrhunderts v. Chr., welche den Ganymed durch
den Adler des Zeus rauben ließ. Seitdem gehören Ganymed und der Adler zusammen.
Wir besitzen z. B. noch aus der letzten klassizistischen Epoche von Thorwaldsens
Hand eine reizvolle genrehafte Plastik, wie der Knabe den Adler füttert. Als Ent-
führung durch den Adler gewinnt der Mythus aber noch einen besonderen Gehalt.
Da rückt das Erschreckende des Ergriffenseins durch den mächtigen Vogel, das Un-
gewohnte des Fliegens in den Vordergrund. Nun wird die Begegnung mit dem Er-
habenen, ganz anderen zum beherrschenden Motiv der Ganymedesdarstellung. —
Wie der Mensch unter dem gewaltigen, dunklen Flügelrauschen des Schicksals zum
komischen, erbärmlichen Wicht wird, der sich gegen das Göttliche sträubt und aus
Furcht das Wasser nicht halten kann, zeigt das bekannte Rembrandtbild der Dresdner
Galerie. Während der Renaissance ist in die Behandlung antiker Stoffe — man denke
an Shakespeare — vielfach ein ironisierender Ton eingedrungen. Erhabene Ironie ist
das Element der Rembrandtschen Darstellung des Ganymedesraubes. Aus einer rings
im Dunkel versinkenden Landschaft erhebt sich mit gewaltigem Flügelschlag der
riesige Vogel, um seine Beute zu entführen. Ganymed ist darauf kein schöner Knabe,
sondern ein dickes, weinendes und strampelndes Kerlchen — man könnte sich einen
Shakespeareschen Narren darunter denken —, dessen unter dem hochgezogenen Kleid
erscheinendes Bäuchlein und Beinchen einem kleineren Kinde gehören könnten, wäh-
rend Kopf und Gesicht auch schon wieder alt aussehen. Nichts erinnert mehr an den
Aufstieg zum seligen Olymp. — Wenn das Erhabene sein kleines Dasein berührt,
wird der Mensch oft hilflos wie ein Kind und klammert sich an die Gewohnheit
wie ein Greis.

In dem Antiquarium des Berliner Museums befindet sich aber auf der Rückseite
eines antiken Spiegels eine in Bronce getriebene Darstellung der Entführung des
Ganymed, bei der der Jüngling leidenschaftlich hingegeben am Hals des Adlers
hängt und Göttliches und Menschliches in glühender Umarmung sich begegnen. Die
Sehnsucht der Götter nach dem Schönen und der Drang des Jünglings empor zum
Göttlichen ergreifen sich in heißer Wechselliebe.

Und plötzlich stehen wir mitten im Gastmahl des Piaton und glauben den
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