Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Bemerkungen

Sankt Georg und Sankt Sebastian

Von

Gerhard v. Mutius

Auf Rubens-Bildern geht es vielfach so besonders „repräsentativ", gesellig-, laut
und festlich zu. Männer, Frauen, Kinder, Greise, Fabelwesen und Tiere, alles wirbelt
durcheinander, gehört einander irgendwie an und wird durch die gleiche laue Welle
sinnlicher Lebenslust getragen.

Auf der kleinen, aber mit allem Zauber des Rubensschen Pinsels erfüllten Dar-
stellung des Kaiser-Friedrich-Museums, welche als Entwurf für das große Altarbild
der Antwerpener Kathedrale gedient hat, ist dies unbeschreibliche Neben- und Mit-
einander der Frauen und Kinder, Geistlichen, Ritter, Heiligen wie ein einziger nach
oben reißender Wirbel des Lebens, der rechts unten ansetzt, zunächst nach links aus-
biegt, um dann über die Madonna und den heiligen Joseph in einen lichten Raum
hinaufzuführen, aus dessen wolkigem Grund ein roter Baldachin herabschwebt, von
dem noch zwei übermütige Putten sich auf das heilige Paar und das Christuskind
herniederschwingen. — Das Ganze ist die Verwandlung eines Barockaltars ins
Malerisch-Immaterielle eines Vorgangs, der bis in die Lichtgründe des himmlischen
Raumes reicht. Es ist der malerische Ausklang einer Architektur, die den überwelt-
lichen Gottesstaat als ein festliches Gefüge der Märtyrer, Heiligen, Engel um das
Geheimnis der göttlichen Mutter und ihres die Erlösung bringenden Kindes auf-
baut. — Und doch vollzieht sich alles auf dem Bilde sehr menschlich und irdisch,
fast wie auf einem flämischen Feste. Die fanatische Geistlichkeit ist in ihrem Eifer
nicht ohne Humor dargestellt. In der Frauengruppe links gibt es neben etwas Ver-
zückung auch allerhand weltlichen Weiberklatsch, die Engel spielen in lauter Kinder-
lust, und die Leidenschaft, mit der die zu den Füßen der Madonna Kniende dem
Christuskind die Hand küßt, ist durchaus irdische Mütterlichkeit.

Ein Brennpunkt des Bildes und vielleicht seine interessanteste Stelle ist aber jene
Männergruppe im linken Vordergrund, wo Sankt Georg auf Sankt Sebastian ein-
redet. Sankt Georg ist gepanzert, nur das Lockenhaupt und das bärtige Jugend-
antlitz sind frei. Zu seinen Füßen liegt der überwundene Drache. Ihm rücklings über
die Schulter zugewandt, vor einem dahinter erscheinenden zweiten Gepanzerten, steht
aber auf einen Köcher mit Pfeilen gestützt, völlig nackt, dionysosartig ein herrlicher
Sebastian. Wie Tizians „Himmlische und irdische Liebe" ganz von der Freude erfüllt
ist, den nackten neben den bekleideten Frauenkörper zu stellen und dadurch beide
zu steigern, so ist hier bei Rubens der Gegensatz des nackten und des gepanzerten
Mannes und die dadurch bewirkte wechselseitige Erhöhung männlicher Kraft und
Schönheit das Entzücken des Künstlers, dem wir folgen sollen. Man kann sehr gut
hier Halt machen und jedes weitere Wort vom Übel finden. Und doch ist man ver-
sucht, sei es auch nur um dieses Glück zu steigern und zu vertiefen, jener Gegen-
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