Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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BEMERKUNGEN

genannt wird. Als jugendlicher Dionysos würde er etwas anderes, nur Naturhaftes
sagen und bedeuten. Eher schon ist er dem heiligen Sebastian verwandt, denn auch
Schmerz und Leid spricht aus den Zügen. Ahnt er etwas davon, „daß das Schöne
nur des Schrecklichen Anfang" sei?! Ein Märtyrerschicksal umschwebt dies lockige
Haupt. Es ist kein Zufall, daß die Kunst des Barock so oft das Martyrium darge-
stellt hat. — Sie hat, wie vielleicht keine christliche Kunst vor ihr, den Menschen-
leib wieder entdeckt und lebt von der Freude der Sinne — man denke nur an Rubens—,
aber gleichzeitig sucht und findet sie auch Befreiung von der Sinnenlust in dem
sinnlich-übersinnlichen Zustand der Ekstase und in einem oft damit verschmel-
zenden Einschlag von Ironie. Die Spannung zwischen dem Himmel und der Erde ist
oft zu groß. Die Übermacht der jenseitigen Welt macht die irdischen Vorgänge zum
Theater, dessen Ernst nur scheinbar bleibt, und umgekehrt verflüchtigt sich noch
öfter vor der Sinnenfülle leiblicher Gegenwart die jenseitige Bedeutung. Etwas
leicht Theatralisches liegt auch in der Haltung unseres Johannes.

Dem Apollo des Michelangelo entströmt eine andere auf die Welt gerichtete,
mit ihr kämpfende Kraft. Man denkt an „die Taten und Leiden des Lichts". Nicht
von der Natur zum Geist, vom Licht zum Dunkel, vom Hohen zum Niederen geht
hier der Weg. Diesen Apoll würde man ohne seine Leier für einen Herakles halten,
der mit allen Ungeheuern der Welt zu kämpfen hat. Flammender, strafender Stolz
spricht aus Blick und Haltung.

„Erhabener scharfer Geist, der du zum Klang der Harfe

Mir deinen Handgriff nie versagst"
so redet jener Grieche französischer Zunge, Jean Moreas, Apollo in seinen Stanzen
an. Und weiter:

„Sinn' ich dem Schlimmen nach?
Ich wäg' es an dem Schlimmem;

Und täuscht mich auch das Los mit Hinterhalt und Spott,

Spür' ich um meinen Mund

Doch wie ein Lächeln schimmern,

So spielend ist mein Geist versenkt in seinen Gott."

Vollendung

Von

Gerhard v. Mutius

Kein Erlebnis, kein Gedanke, keine Tat kann für uns abschließende Bedeutung
annehmen. Immer neue Wellen dringen heran, die bezwungen sein wollen und damit
auch die Fahrtrichtung leicht verändern müssen. Und doch suchen wir nach einem
letzten Richtungs- und Ruhepunkt und glauben, daß die Verstorbenen ihn erreicht
haben. Hier sprechen wir von „Vollendung" nicht nur, weil ein Lebenslauf tatsäch-
lich abgeschlossen, sondern weil sein besonderer Sinn- und Wertbezug damit erfüllt
scheint.

Für die christliche Gedanken- und Gefühlswelt muß der Kreuzestod des Er-
lösers in besonderem Grade jenes Ziel, jenen Wunsch nach Vollendung, der gerade
aus dem beständigen Wechsel der Bedeutsamkeiten und Bewertungen hervorwächst,
verwirklichen. Hier ist der Tod die letzte und größte Tat des Lebens, sein zusammen-
fassender Ausdruck und sein Ende. Hier wird ein höchster Sinnbezug zum Ereignis,
zur Begebenheit in der Welt.
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