Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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DER SYMBOLWERT DES HISTORISCHEN IN DER BAUKUNST 167

Gestaltens pedantisch genommen zu werden braucht, wird man doch von
den heilsamen Einsichten, die das frühe 20. Jahrhundert in dieser Hin-
sicht gewonnen hat, nicht mehr preisgeben, als die nötige künstlerische
Freiheit und der unbegrenzte Zauber, das Unberechenbare, Undogma-
tische aller echten Kunst verlangt. —

Geben wir also, mutatis mutandis, den Anfängen des Historismus im
19. Jahrhundert nicht derartig Unrecht, wie man das noch vor kurzem
getan hat, so wäre freilich auch zuzugeben, daß eine Einheitlichkeit
des Zeitstils, wie sie zuletzt noch das Rokoko gezeitigt hat (die letzte noch
durch „Wachstum", nicht durch „Abbau" entstandene Formweise): daß
eine solche Totalherrschaft einer bestimmten durchgehenden Stilart in der
näheren Zukunft nicht wieder kommen wird, — wenn sie nicht sogar für
immer hinter uns liegen sollte. Fürs erste jedenfalls können wir uns nur
vorstellen, daß im Stadtbild der Zukunft etwa dreierlei nebenein-
ander bestehen wird: eine repräsentierende „lapidare" Moderne, gewisse
mehr symbolisch-retrospektive Ausdrucksformen und endlich — für be-
stimmte Aufgaben ohne ideale Note, ohne zwingenden, nicht also an den
Haaren herbeigezogenen Ausdruckswert — auch eine nur technogene
Gestaltung. Auch diese letztere übrigens wird mehr und mehr landschaft-
lich gebundene Züge annehmen können, wird den farblosen Internationa-
lismus ablegen, so daß für die Zukunft vielleicht überhaupt mehr die zeit-
lose Einheit des Volksstils als die Gemeinsamkeit des Zeitstils im
Vordergrund stehen dürfte.

Wird das nun wirklich ein Zeichen der Schwäche, einer unnaiven,
epigonenhaften, unschöpferischen Spätzeitlichkeit sein? Wir müs-
sen uns hüten, etwas, dessen Fehlen in der Vergangenheit Schwäche be-
deutet haben würde, auch für alle Zukunft zum Maßstab produktiver
Kraft zu nehmen! Freilich sind wir nicht mehr „naiv", freilich deutet auch
die mangelnde Einheitlichkeit auf ein viel mehr gespaltenes, widerspruchs-
volles Bewußtsein hin, auf Seelen, die ihrer verschiedenen Ebenen und
Stockwerke bewußt geworden sind und die noch lange an der Ver-
söhnung ihrer archaischen (um absichtlich nicht herabsetzend zu sagen:
atavistischen) und ihrer modernen Wesenszüge arbeiten müssen. Aber das
neue Verhältnis zur Geschichte wird keine Abhängigkeit, keine Flucht aus
dem Heute bedeuten: eher ein freies produktives Darüber-
stehen. Nur eine Bestätigung, wieviel wir der Tradition verdanken,
wie sehr wir in ihr wurzeln, ja mehr noch: wieviel wir lebendig von ihr
und einem ihr entsprechenden Seelentum noch in uns tragen. Hoffentlich,
ja wahrscheinlich, für immer tragen werden! —
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