Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Besprechungen

Fritz Schumacher: Der Geist der Baukunst. Deutsche Verlagsanstalt
Stuttgart/Berlin.

Reichlich spät und allzu kurz wird hier ein Buch gewürdigt, das gerade in
dieser Zeitschrift eine ausführlichere Behandlung verdiente. Schumachers neue Ar-
beit — nach „Grundlagen der Baukunst" (1919) und „Das bauliche Gestalten (1926)
die dritte umfassende Selbst- und Werkbesinnung eines Mannes, der ein Leben hin-
durch vor allem vielseitig tätiger Architekt und baumeisterlicher Praktiker gewesen
ist — gehört nicht in die Reihe jener „Künstlerschriften", die sich in selbstbewußter
Freiheit und betont persönlicher Einstellung über die theoretischen Systeme der
Philosophen und Kunstwissenschaftler hinwegsetzen, indem sie ihnen die lebendige
Erfahrung des Werkmannes gegenüberstellen. Solche Schriften können, wenn wirk-
lich eine starke Subjektivität hinter ihnen steht, gewiß anregend, ja aufrüttelnd wir-
ken. Schuhmachers Werk zeigt freilich, daß auch einer schöpferisch tätigen Natur
bei wahrhaft umfassender Bildung und Einsicht eine gerechtere und sachlichere Hal-
tung gegenüber der Denkarbeit der Ästhetiker und Historiker möglich sein kann,
ja daß die Begegnung einer werknahen Erfahrung mit den mehr aus der Distanz
abgeleiteten und allgemeinen Erkenntnissen fruchtbar sein kann, wenn sie in einem
Bewußtsein geschieht, das für beide Einstellungen Raum hat. Dies ist bei Fritz
Schumacher der Fall. Die mühelose Vereinigung von Theorie und Praxis, der
gleichsam rhythmische Wechsel von Nahsicht und Fernsicht, die großartige Ganz-
heit der Schau kennzeichnet die Arbeit dieses wahrhaft gebildeten Baumeisters als
ein zusammenfassendes, bis zu einem gewissen Grade auch abschließendes Werk,
wie es in der Kunstliteratur fortab unentbehrlich sein wird.

Es zeugt von hoher Reife und einer besonders liebenswürdigen Bescheidenheit,
daß der Verfasser seiner eigenen Abhandlung über das Wesen des baulichen Ge-
staltens eine schwieriger zu lesende historische Übersicht vorangestellt
hat, die die Entwicklung des theoretischen Denkens über die Baukunst von der
Antike bis zur jüngsten Gegenwart verdeutlicht. Es handelt sich hier keineswegs
nur um die gedanklichen Erhellungen der großen Bauschaffenden selbst, nicht nur
um die „Kunstschriften" eines Vitruv, Alberti, Blondel, Schinkel, Semper usw. Ent-
scheidend ist, daß die eigentlich philosophische, sogar die spekulative Ästhetik von
Aristoteles bis zu Kant, Hegel, Lotze und Eduard von Hartmann mit gleicher Sorg-
falt, gleichem Respekt und gleichem Sinn für das Wesentliche zur Geltung gebracht
wird. Daß ferner nicht immer nur die eigentlich ausgesprochenen Gedanken
über die Baukunst herangezogen werden, sondern auch der zwar theoriefähige, aber
doch nicht voll zum theoretischen Bewußtsein gebrachte Ideengehalt der einzelnen
Bauwerke, wie er sich zum philosophischen Denken eines Zeitalters (beispielsweise
dem pythagoräischen) in Beziehung bringen läßt, das macht diese Übersicht, obschon
sie auf rund 150 Seiten nur knapp sein konnte, merkwürdig vollständig — sogar für
eine fachwissenschaftliche Bewertung und Benützung.
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