Werner, Wilfried
Cimelia Heidelbergensia: 30 illuminierte Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg — Wiesbaden, 1975

Seite: 93
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(Heid. Hs. 1012) Der Herzog von Braunschweig

1 Besonders charakteristisch für die Erzählstruktur des Werkes ist die Fabel vom Krieg der Raben und Adler. Sie sei
darum hier in knapper Zusammenfassung wiedergegeben (dazu Bild 13 P, Tafel S. 92).

Raben wohnten in dem Geäst eines Baumes. Eines Nachts wurden sie von den Adlern überfallen, viele von ihnen ge-
tötet. Danach berieten die übrigen, wie sie sich in Zukunft der Adler erwehren könnten. Von den Weisen des Rabenkönigs
kamen die unterschiedlichsten Vorschläge: in ein fremdes Land zu entweichen, den Krieg mit den Adlern zu wagen,
sich ihnen zu unterwerfen und Tribut zu zahlen, ihre Absichten zu erkunden und danach entweder in Frieden zu leben oder
auf einen Krieg gerüstet zu sein. Der fünfte schließlich schilderte zunächst, wie es zu der Feindschaft der beiden Völker
gekommen war. Ein Rabe hatte einst verhindert, daß der Adler zum König der Vögel gewählt wurde. Als Beispiel
nämlich dafür, daß es nicht gut sei, einen bösen, zornigen, grimmigen, unbarmherzigen König zu haben, auch wenn er sich
durch behende Klugheit auszeichne, hatte er berichtet, wie einst ein Hase durch eine List sein Volk gegen die
Elefanten bewahrt habe. Und durch eine weitere Geschichte hatte der Rabe es durchgesetzt, daß die Vögel statt des
Adlers einen König aus ihren eigenen Reihen wählten, denn sie wollten nicht, daß es ihnen so geht wie dem Vogel
und dem Hasen, die in einem Streit die Katze zum Richter aufriefen und von ihr gefressen wurden. - Der Rabe der
ersten Rahmengeschichte schlägt nun dem König eine List vor, deren Erfolgsaussichten er wiederum durch ein Beispiel
verdeutlicht: Ein Einsiedler führte vom Markt eine Ziege heim, um sie Gott zu opfern. Drei Betrüger verstanden es.
ihm vorzutäuschen, als erkennten sie in dem Tier einen schmutzigen Hund. So erreichten sie. was sie erreichen wollten:
Zornig jagte der Einsiedler (in der indischen Geschichte war es ein Brahmane) die Ziege fort, die drei Betrüger aber
teilten sie untereinander. - Ähnlich hofft der Rabe, mit einem Betrug zum Ziele zu gelangen. Er veranlaßt den König,
ihn zu schlagen und schwer verwundet unter dem Baume liegen zu lassen, selbst aber mitsamt dem Volke fortzuziehen.
Die Adler finden den blutenden Raben und diesem gelingt es, sie glauben zu machen, er sei mit seinem Volke verfeindet
und seine Freundschaft könne ihnen nützlich sein. In Wirklichkeit mißbraucht er natürlich das wachsende Vertrauen der
Adler, um sie schießlich zu vernichten. Bis dahin aber werden noch viele Geschichten erzählt!

Biui'M. Das Buch der Beispiele alter Weisen . . . Nach d. dt. Übers, e. Hs. des 15. Jhdts. bearb. u. m. e. Teil ihrer Bilder
hrsg. von H. Wi-.cinkr. Berlin 1926. - F. Ghissi.fr. Über einige europäische Varianten des Pancatantra. - In: Forschungen
und Fortschritte 36 ( 1962) S. 205-208. - Ders.: Handschriften und Drucke des »Directorium vitae humanae« und des
»Buches der Beispiele der alten Weisen«. - In: Mitt. d. Inst. f. Orientforschung 9 ( 1963 ) S. 433-461. - L. Fischfl, Bilder-
folgen im frühen Buchdruck. Kunstgeschichtliche Studien zur Inkunabel-Illustration in Ulm und Straßburg. Konstanz und
Stuttgart 1963. - Avion von Pforr. Das Buch der Beispiele der alten Weisen. Kritisch hrsg. von F. Gfisslfr. T. 1. Text.
Berlin 1964 (Dt. Akad. d. Wiss. zu Berlin. Inst. f. Orientforschung. Veröffentlichung 61). T. 2. Einleitung. Beschreibung
der Handschriften. Berlin 1974. - F. Gfissi.fr. Anton von Pforr. der Übersetzer des »Buches der Beispiele«. - In: Zeit-
schrift f. Württ. Landesgesch. 23 ( 1964) S. 141-156.

Augustin DER HERZOG VON BRAUNSCHWEIG 28

in Heid. Hs. 1012 (Bl. 1-23). Papier, 20,8 X 18,5 cm, Trier (?). um 1460 Tafel Seite 95

Die aus dem Niederfränkischen in ein mühsames Hochdeutsch übersetzte Versnovelle erzählt die Geschichte
des jungen Herzogssohnes, dessen Vater nicht nur Herr in Sachsen, sondern auch in Frankreich, Brabant,
Meißen und Thüringen ist. Auf den Hilferuf des christlichen Königs von Spanien hin, der den heidnischen
Sultanen und Königen von Babylon und Persien, von Aragon und Portugal zu erliegen droht, bricht er mit
einem großen Heer auf. Durch eine List, ähnlich der des Odysseus vor Troja. gelingt es dem Herzog, die
»heyden und honde« in ihrem Lager zu überrumpeln und zu besiegen. Die ihm angebotene Krone Spaniens
lehnt er ab, bleibt jedoch auf Bitten des Königs für ein Jahr am Hofe. Er und die Königin werden von Liebe
zueinander ergriffen. Sie trennen sich, um den guten König nicht zu betrügen. Die Königin erkrankt und gesun-
det erst, als der Herzog zurückgekehrt ist. Nach gemeinsamer Flucht und erneuter Trennung werden sie schließ-
lich - nach dem Tode des alten Königs — für immer miteinander verbunden. Von ihren beiden Söhnen wird
der eine König in Spanien, der andere Herzog in Braunschweig.

Der Verfasser, der sich selbst am Ende des Gedichts nennt (Fol. 20ra: »Dyß hait gedieht Augustijn/ouermitz
dez konings bede«), ist sonst nicht bekannt. Das kleine Werk ist nur in unserer Handschrift überliefert.

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