Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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Anwendung findet. In dex" provinzellen Entle-
genheit und Isoliertheit der regionalen Zentren
der Slowakei, in denen noch im Rahmen des
Spätbarocks einige Renaissanceformen und —
Prinzipien ausklingen, wird eher das robustere
Formsystem des Empire heimisch. Zu diesem
inklinieren die frühen Darstellungen der Maler
Zipser Provenienz — sei es Jozef Czauczik oder
Ján Rombauer — wie auch das Werk der vom
heimischen Milieu ausgehenden und vom hei-
mischen Milieu erzogenen Bratislavaer Künstler-
kräfte — z. B. Ján Erlingers.
Auch das Biedermeier erhält seinen eigenen
Beigeschmack. In der sozialen Schichtung der
Slowakei, wo die kleinbürgerlichen Lebensformen
nicht in grösserem Ausmass verwurzelt waren,
fehlt ihm ebenfalls der vollblütige Nährboden.
Am intensivsten äussert es sich auf dem Gebiet
des Porträts, wo es seinen Ausdruck im Dekora-
tivismus der bürgerlichen Sehnsucht nach Prah-
lerei findet, vereinzelt äussert es sich auch in
sentimentaler Idylle. Diese ist allerdings im all-
gemeinen fremder Import.
Ein ebenso wichtiger Anteil an der Entwik-
klung gebührt dem Romantismus, der — nach
allem zu schliessen — eine wichtigere Rolle spielt,
als bisher angenommen wurde. Das bestätigt
sowohl die Verbindung mit der nationalen Strö-
mung, die ihm inneres Ethos und ein erlebtes
Pathos verleiht, wie auch die Verbindung mit der
Strömung kosmopolitischer Färbung. Diese Strö-
mung bringt nicht nur den Kult des Orients und
der Exotik in die heimische Ofenhockerei, sondern
auch eine gesunde Sehnsucht, Unbekanntes ken-
nenzulernen und sich zum Nicht-Alltäglichen
aufzuschwingen.
Andererseits ist es bezeichnend, dass sich in der
slowakischen Malerei der historisierende Roman-
tismus überhaupt nicht entwickelte. In der Ges-
schichte, die an das gemeinsame Schicksal der
Völker Ungarns gebunden war, fand diese Strö-
mung keinen wesentlichen Halt, die einzelnen
Völker hatten kein Interesse, die Thesen der
herrschenden Nation zu propagieren. Beachtens-
wert und interessant ist hingegen die Symbiose
des Romantismus mit dem Realismus und mit
einigen Ausklängen eines verspäteten Biedermeier,
wie sie z. B. in einer bestimmten Entwicklungs-
etappe des Werkes Peter M. Bohúňs zum Aus-
druck kommt.

Die neueren Strömungen — die modernisti-
schen — inklusive Impressionismus und Plai-
nairismus — erreichen uns im Verlaufe des vorigen
Jahrhunderts nur in minimalem Masse — und
wenn, so nur in der mitteleuropäischen, abge-
schwächten Umsetzung, die keine wesentlichen
formalen oder geistigen Kämpfe gestattet. Die
Grenze ihrer maximalen Expansion überschreitet
nicht die Ansichten der französischen Barbisonen,
wie sie z. B. durch das Werk Ladislav Medňanskýs
repräsentiert werden. Dafür sind sie umso miter-
lebter und umgesetzter. Im ganzen kann man
sagen, dass sich in der Slowakei im 19. Jahrhun-
dert eine auch in mitteleuropäischer Relation
sichtbare Verspätung in der Stilentwicklung zeigt.
Bei der Wertung der Entstehung und der An-
fänge der Entwicklung der slowakischen nationa-
len Schule in der bildenden Kunst, die im Zeit-
abschnitt des 19. Jahrhunderts auch bei uns
die ersten latenten, unter dem kategorischen
Imperativ einer übernationalen Kunst und eines
Kunststils verborgenen Kräfte auslöst, treten
mehrere neue Momente auf.
Es kommt zur Anerkennung der bisher verkann-
ten regionalen Traditionen, aus denen jede
nationale Schule notwendigerweise erwächst. Die
Anfänge, und vor allem die Voraussetzungen
dieses „Nationalisierungsprozesses“ sind schon in
der Zeit der Aufklärung zu suchen und zu finden.
In den Intentionen des dialektischen Denkens
werden auch die Kriterien, nach denen wir den
Anteil der Künstler verschiedener gesellschaft-
licher Kategorien an der Entwicklung unserer
Kunst bewerten, modifiziert und umgewertet.
Zum Unterschied von der älteren Konzeption
der slowakischen Kunstwissenschaft betrachten
wir heute den Künstler und sein Schaffen in dem
Fall als Teil des Entwicklungskontextes unserer
Kunst, wenn die Slowakei nicht nur seine bürger-
liche Heimat ist, sondern vor allem seine künstleri-
sche Heimat; wenn er auf diese oder jene Weise an
der Entwicklung unserer Kunst teilnahm oder
teilnimmt, wobei seine nationale Zugehörigkeit
nicht entscheidend ist.
Darum betrachten wir z. B. heute das reife
Werk Julius Benczürs als eine unserer Kunst
fremde Darstellung (Benczürs Historismus mit
seinem Tribut an die Verherrlichung des Feu-
dalismus empfinden wir bei aller Hochachtung vor
seiner Geschliffenheit und Meisterschaft der Form

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