Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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facsimile
(Schloßgallerie Kroměříž)40 das verborgene Netz
der Komposition aufgezeigt, das durch zwei
konzentrische Kreise und zwei Hauptdiagonalen
bestimmt ist. Die Links-Rechts-Diagonale ver-
bindet die Hauptereignisse mit dem Kopfe des
nachdenkenden Midas, der Tizian selbst ist. Die
Kreise grenzen einen Reifen für den Umlauf der
Sonne, des Apollo ab. Ich will diese von Neumann
demonstrierte Struktur mit Dürers Holzschnitt
der Armillarsphäre (1515) mit Inschrift NON
IUDICET MIDAS hier vergleichen. Hier stehen
die beiden konzentrischen Kreise für Erde und
Sonnenumlauf. Auch Dürer verstand also die
Sage vom Marsyas, den Apollo trotz der Meinung
des Schiedsrichters Midas im musikalischen Wett-
streit besiegte und grausam bestrafte, im Sinne
des siegreichen Umlaufs der Sonne um die Erde.
(Abb. 46, 47).
Die kosmologische Kehrseite des geistig-mora-
lischen Zwei-Welten-Problems läßt sich nie, am
wenigsten zur Renaissancezeit, ganz verkennen.
Hier kann ich an die Arbeiten Karel Stejskals im
allgemeinen verweisen.
Am Ende ist noch eine Bemerkung über die
Grenzen der Zwei-Welten-Darstellung vonorten.
Das Übereinander wird in kunsthistorischen
Handbüchern z. B. im alten Ägypten als ein
Behelf zur Darstellung der verschiedenen Raum-
pläne des Geschehens angenommen, oder als ein
Mittel, der aus religiösen Gründen zu meidende
Überdeckung der Figuren vorzubeugen. Ich möchte
jedoch darauf hinweisen, daß schon in der Dar-
stellung der Himmelsgöttin Nut als eines Gewölbes
über der Erde eine kosmische Hierarchie in
Ägypten abgebildet wurde. Auf der Traiansäule
und den sie nachahmenden Säulen z. B. der
Karlskirche in Wien (Fischer von Erlach) entsteht
durch den Spiralenfries ein Übereinander. Die Säule
ist offenbar eine Weltsäule alter Mythologie, das
Zentrum der Welt kennzeichnend, und die Taten
Traians werden hier ununterbrochen auf einer
zwischen Erde und Himmel vermittelnden, die
zwei Welten verbindenden Spirale geschildert.
Eine Beschränkung der Bedeutung „Vision oben —
irdische Wirklichkeit unten“ hat Panofsky vor-
geschlagen: bei van der Weyden erscheint den
drei Königen das göttliche Kind als illusive,
naturalistische Vision in den Lüften, als ein
Wunder, dagegen soll in der ottonischen Miniatur


4-7. Jaromir Neumann, Rekonstruktion des Kompositions-
netzes zu: Tizian, Apollo und Marsyas, um 1570.
Schloßgallerie Kroměříž. Die Figur des urteilsprechen-
den Midas — Tizian gibt die Kreisbewegung an.

so etwas nicht möglich sein. Panofsky führt
hiezu das Beispiel die „Erweckung des Jungen
von Nain” in der Miniatur des Evangeliars
Ottos III (Staatsbibliothek, München) an.41 Die
oben als schwebend abgebildete Stadt soll rein
begrifflich die Stadt Nain, in der das Wunder
sich abspielt, bezeichnen, keine Vision darstellen.
Im Sinne der Ausführungen Mircea Eliades42
über das Heilige und das Profane wäre jedoch
dieser Unterscheidung nicht zuzustimmen. Die
Vision kann Vision einer höheren, eigentlichen
Realität sein, oder zum bloß subjektiven Fata
Morgana, zur Illusion als Illusion herabsinken,
und das ist eben bei Rogier van der Weyden, in
der ganzen frühniederländischen Schule öfters
der Fall. Die ottonische Miniatur ist auch
visionär, wie schon aus ihrer Themenwahl her-
vorgeht. Die Vision der Stadt Nain über der Szene,
die sich in dieser Stadt abspielt, unter einem
Triumphtor, wie es in dem von Panofsky gebrach-
ten Beispiel der Fall ist, verbindet sich mit
Triumphdarstellungen, in denen der Sieg der
gerechten Gemeinde, des himmlischen Jerusalem
gefeiert und geschaut wird.

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