Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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Über Leben und Werk des Malers Ján Jakub Stunder

Die Studie skizziert die Periodisierung und die erste
komplexere kunstwissenschaftliche Wertung des Werkes
von Ján Jakub Stunder, eines Malers dänischen Ur-
sprungs, der- sich zu Ende des 18. Jahrhunderts im
ungarischen Teil der Habsburgermonarchie ansiedelte.
Sie bringt neues faktographisches Material und konzen-
triert sich vor allem auf eine Beleuchtung und Wertung-
seines mit der Slowakei verbundenen Schaffens.
Stunder, Absolvent der Kopenhagener Akademie für
bildende Künste, hatte sich, als er nach Ungarn kam,
schon bedeutende künstlerische Erfahrungen erworben.
Seinem hiesigen Wirken geht eine Studienreise durch
Italien und ein kürzerer Aufenthalt in Wien voraus.
Das aufstrebende Pest und sein Adel, wie auch die
ungarische patriotische Literatengesellschaft hielten den
Maler anfangs mit ihren Porträtaufträgen fest. Seine Ehe
mit einer Lcvočaer Patriziertochter, wie auch seine
eigene, durch das Milieu seiner Heimat gezeichnete
bürgerlich-puritanische Veranlagung fesselten aber den
Künstler nach und nach an Oberungarn — an die Slo-
wakei — vor allem an die nordöstliche Zips und an das
Bergbaugebiet der Mittelslowakei, die die Träger alt-
hergebrachter bürgerlicher Traditionen waren. In Banská
Bystrica, dem Zentrum der Mittelslowakei, bewirbt sich
Stunder auch um das Bürgerrecht. 1808 wurde er hier als
Bürger kooptiert.
Mit seinem fremden Ursprung und der zugleich nicht
geringen kulturellen Rolle, die er im Rahmen Ungarn
spielt, vor allem aber im künstlerisch aufgeschlossenen
Zipser Gebiet, ist Ján Jakub Stunder eine typische Er-
scheinung und in seiner letzten künstlerischen Begrenzt-
heit auch ein Produkt des mitteleuropäischen künstleri-
schen Milieus. In der Epoche seines Wirkens ist er ein
„Gefährte“ der Generation der aufgeklärten Intellek-
tuellen. Seine künstlerische Manifestation verfolgt grund-
sätzlich schon die Linie der bürgerlichen Kunst, gröss-
tenteils auch schon in den Fällen, wo es sich um Arbeiten
handelt, die auf Anregung aus Adelskreisen entstehen.
Sein geläufigstes Porträtgenre sind Brustbilder — also
eine Form, die im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
fast eindeutig an das Bürgertum geknüpft ist. Im Geist

der Gewohnheiten des ausklingenden 18. Jahrhunderts
malt Stunder auch Kompositionen mit mythologischen
Sujets. Einige Informationen weisen darauf hin, dass
Stunders Werk auch Beziehungen zur Landschaftsma-
lerei hat. Die Aufgabe einer Identifikation seiner Land-
schaften und der Erläuterung des Charakters seiner
Landschaftskompositionen bleibt der Zukunft Vorbe-
halten.
Die Gesamtentwicklung von Stunders Werk — soweit
sie verfolgt werden konnte, — tendiert vom sachlich und
nüchtern konstatierenden Ausdruck über eine Rückkehr
zu den Residuen des Sensualismus des Rokoko — die
sowohl in der Behandlung wie auch in der Farbpalette
anklingen, — zu einem sachlichen Klassizismus, der sich
auf die Aufklärung orientiert. Dieser führt anfangs zu
einem Erstarren der Form und unterbindet das hand-
schriftliche und koloristische Traktat. Die Nüchternheit
des Ausdrucks wird hier in einigen Fällen durch praero-
mantisches Sentiment gemildert. In der folgenden Epoche
lockert Stunder wieder seinen Ausdruck. Er entledigt
sich der* unpersönlichen Stilisierung im Porträtschaffen
und konzentriert sich auf eine Präzisierung der Charakte-
ristik der dargestellten Personen und auf das Aufspüren
und die Umsetzung psychologischer’ Qualitäten. Gleich-
zeitig rückt seine Kunstauffassung näher an den Strom
der realistischen Bestrebungen des 19. Jahrhunderts, heran.
Im Lichte seines Schaffens und dessen Bedeutung für
die slowakische Malerei ist Stunder eine bedeutende
Entwicklungserscheinung an der Scheide zwischen der
künstlerischen Kultur des 18. Jahrhunderts und den
entstehenden Tendenzen des 19. Jahrhunderts, in dem
sich zusammen mit der wirtschaftlich-sozialen Umgestal-
tung auch die ästhetischen Ideale der Zeit von Grund auf
änderten. Er ist nicht nur Zeuge sondern auch. Mit-
gestalter der künstlerischen Bestrebungen, die neue Wege
des Ausdrucks suchen. Mit seinem Werk und seinem
direkten pädagogischen Wirken beeinflusste er eine
ganze Generation Zipser Maler, vor allem Jozef Czauczik
(1780—1857) und Ján Rombauer (1782—1849), die in den
Anfängen der Entfaltung der slowakischen nationalen
Malerschule eine entscheidende Rolle spielten.

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