Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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zeitlich Konkreten, der Egoismen und Interessen
„verewigt“.
Die Autoren der Studie stellen fest, daß Lanzis
„Konkurrenzmodell“ bis heute die Basis darstellt, auf
der sich die Erforschung der italienischen Kunst
vollzieht. Sie gelangen jedoch gleichzeitig zu der
Erkenntnis, daß man es kritisch modifizieren muß: Die
polyzentristische Gliederung ist nicht im gleichen
Maße für ganz Italien gültig. Der Unterschied zwi-
schen dem nördlichen und südlichen Teil der Apenni-
nenhalbinsel in Beziehung zu den Kunstzentren kann
nicht nur mit dem unterschiedlichen Maß der Durch-
forschung erklärt werden, wie Lanzi angenommen hat.
Es handelt sich um abweichende Strukturen, die tief in
der Geschichte verwurzelt sind. In der ersten herrscht
der Polyzentrismus, in der zweiten der Oligozentris-
mus. Ursache dieser Differenzierung ist die unter-
schiedliche soziale Entwicklung in beiden Teilen des
Landes — im ersten Fall überwiegt das kommunale
System, im zweiten das feudale. Obwohl man bis heute
die Konkurrenz (die innere im Inneren der Zentren und
die äußere zwischen den Zentren) für eine der entschei-
denden Quellen der Kunstentwicklung hält, kann man
sie nicht für die ganze Kunstgeschichte verabsolutie-
ren. Das „Konkurrenzmodell“ ist nicht nur geogra-
phisch begrenzt, sondern auch historisch relativ. Es
existieren historische Typen von Kunstzentren und der
Kunstentfaltung, die nicht auf dem Prinzip der Kon-
kurrenz beruhen. Die Entwicklung der Kunst geht
nicht automatisch und ausschließlich aus der Konkur-
renz hervor, weil man, so unterstreichen die Autoren,
die Innovation nicht mit der künstlerischen Qualität
gleichsetzen kann. Innovation und Originalität, so
fügen wir hinzu, die für die Substanz der Kunst
gehalten werden, sind die symbolischen Reproduktio-
nen der Prinzipien und Werte, die für die marktwirt-
schafliche sozialökonomische Formation lebenswichtig
sind.
Wenn also polyzentristische Konzeption und Kon-
kurrenzmodell historisch relativ sind, so ist auch die
antithetische Abgrenzung der Beziehung zwischen
Zentrum und Peripherie relativ. Das schließt, so
unterstreichen die Autoren, eine konfliktreiche Bezie-
hung zwischen ihnen nicht aus. Gerade das hegemonis-
tische Verständnis ihrer Beziehung ist eine statische
Anschauung, dagegen schließt die komplementäre
Auffassung der Beziehung von Zentrum und Periphe-
rie, d. h. als Beziehung gegenseitiger Gebundenheit,

Angewiesenheit und Ergänzung auch Spannung, Kon-
flikt und historische Dynamik, also Veränderlichkeit in
der Zeit ein. Deshalb ist, nach den Autoren, zwar die
Beziehung von Zentrum und Peripherie unbestritten
das Verhältnis von Innovation und Rückstand (das
Zentrum inkliniert zu Entwicklungsänderungen und zu
Neuerungen, während die Peripherien einen Hang zum
Konservativen, zum Erhalten und Bewahren haben),
man kann sie aber nicht für unabänderlich halten: „Das
bisher Gesagte beweist zur Genüge, daß der Zusam-
menhang Zentrum/Peripherie nicht als eine unverän-
derliche Beziehung zwischen Innovation und Rück-
ständigkeit gesehen werden kann. Es handelt sich im
Gegenteil um ein bewegliches Verhältnis, das jähen
Beschleunigungen und Spannungen ausgesetzt ist, die
nicht nur an künstlerische, sondern auch an politische
und soziale Veränderungen geknüpft ist.“13a
*
Kehren wir jedoch zu L. Vayer zurück. In seinem
Kongreßauftritt klang ein Gedanke an, den man in
unserem Zusammenhang unterstreichen muß: Das
Problem nichtzentraler Gebiete verstand er als histori-
sches Problem.14 Mit anderen Worten, allein die
Wertung des Platzes von Randgebieten in der Kunst-
entwicklung hat ihre Geschichte. Die Meinungen über
das Statut und die Stellung peripherer Gebiete haben
sich schon einige Male wesentlich verändert. Vayer
weicht nicht dem gnoseologischen Progressismus aus
und setzt voraus, daß die Entwicklung der Auffassun-
gen die Befreiung von Vorurteilen bedeutet, die Entle-
digung von Unterschätzung und die Annäherung an
die gerechtere und angemessenere Wertung nichtzen-
traler Sphären. Im Bezug zur mitteleuropäischen
Region unterscheidet er drei Phasen der Wertung: In
der ersten wurde mit der Idee der Universalentwick-
lung gemessen. Die universal gültige Entwicklung
wurde jedoch nur von Westeuropa abgeleitet, die
Initiative wurde bei ihrer Verwirklichung auf immer
den westeuropäischen (bzw. südeuropäischen) Zentren
zugeschrieben. Im Vergleich mit ihnen erschien die
mitteleuropäische Region als nebensächlich, sich ver-
spätend, passiv und abhängig. Gemessen an der
Annahme einer notwendigen universellen Entwicklung
wurden die Unterschiede automatisch als das Periphe-
re und Rückständige erklärt. Herausragende Erschei-
nungen wurden mit Hilfe der Theorie vom Import oder
der Migration interpretiert.
Der Charakter der zweiten Phase wurde — nach

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