Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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Das Barockrelief der Madona „Mariahilf“ im Schloß Malinovo (Eberhard). Ein Beitrag
zur Problematik der barocken Marienikonographie und zum künstlerischen Schaffen
im Umkreis des Erzbischofs Szelepcsényi

Das Relief vom Typ des wundertätigen Bildes der Madona
„Mariahilf' im Hof des Schlosses Malinovo (Eberhard) ist auch
dann von Bedeutung, wenn wir ungeachtet des künstlerischen
Wertes, vor allem das angegebene Entstehungsdatum, bzw. das
Datum der Bestellung (1. X. 1680) und den Namen des Bestel-
lers, des Graner Erzbischofs Georg Szelepcsényi in Betracht
ziehen.
Es handelt sich um eine zeitlich und durch die Person des
Bestellers näher bestimmte plastische Kopie des sog. Passauer
Gnadenbildes „Mariahilf', das in seiner Bedeutung die Vorlage,
das Werk von Lucas Cranach d.Ä. aus der Zeit um 1537,
übertraf. Das Innsbrucker Original, wie auch seine bekanntere
Passauer Replik und deren Wiener Kopie aus der Kapuzinerkir-
che wurden das Muster für eine Reihe weiterer Varianten, wo-
durch die Madonna „Mariahilf' das verbreitetste marianische
Gnadenbild der Donauländer wurde und es im Rahmen des
Gottesmutter-Kultes der Habsburger eine außerordentlich
wichtige Rolle spielte. Von Beginn an war es mit einer angenom-
menen Schutzfunktion gegen die Türken (Sancta Virgö Maria
Auxialiatrix Christianorum), gegen Überschwemmung und zu-
gleich auch gegen Pest und Hunger verbunden. Die Verbreitung
des Ruhmes des Bildes wurde vom kaiserliches Hof direkt geför-
dert und das schuf eine Gedankenverbindung zwischen der
Herrscherfamilie und dem wundertätigen Bild, das die ge-
schichtliche Rolle der Habsburger im Kampf gegen den Haupt-
feind der Christenheit, den Türken, zu betonen hatte. Der Um-
stand, daß sich Kaiser Leopold mit seinem Hof in der Zeit der
Belagerung Wiens in Passau aufhielt, konnte entscheidend dafür
sein, daß die Niederlage der Türken am 12. September 1683 der
Madona „Mariahilf' zugeschrieben wurde.
Die Verbreitung des Kultes mit diesem Gnadenbild ist not-
wendig zugleich unter dem Aspekt eines verstärkten Gottesmut-
ter-Kultes zu sehen, der im Zusammenhang mit der Gegenrefor-
mation und der Glaubensoffensive des Hofes und des katholi-
schen Klerus steht. Eine Sonderstellung nahm der Marienkult
direkt in Ungarn ein. Das proklamierte Ziel Kaiser Leopolds
war es, auf Erden ein Königreich der Mutter Maria zu errichten,
das ,Regnum Marianum', in Anknüpfung an die Pufferfunktion
des Landes in den Türkenkriegen und der Notwendigkeit der
Konsolidierung nach den Ständeunruhen, hatte er ein Stütze in
der mittelalterlichen Tradition der Gottesmutter als Mater Hun-
garorum (Patrona Hungariae), die sich auf die lagendäre Über-
gabe der Herrschaft über das Land an die Mutter Maria durch
den hl. König Stephan berief. Davon daß der Bildtyp der „Ma-
riahilf' Bestandteil der ungarisch-patriotischen Propaganda
wurde, zeugt auch die „Geschichte“ des Bildes, die im 17. Jahr-
hundert vom Fürsten Paul Eszterházy im Buch über die wunder-
tätigen Marienbilder festhehalten wurde und den Ursprung des
Bildes in der Zeit des ungarischen Königs Ludwig I. nennt, der
zu ihm vor der siegreichen Schlacht gegen die Tataren betete.
Das Passauer Bild wird hier für seine Kopie gehalten.

Die Gestaltung als Relief für das Gnadenbild „Mariahilf'
wählte der ungarische Primas und Erzbischof Georg Szelepczé-
nyi, eine der herausragendsten Persönlichkeiten der ungarischen
Geschichte des 17. Jahrhunderts, für seine Residenz in Eber-
hard. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und wurde all-
mählich die einflußreichste Person des Königreichs, dessen
Kanzler und später auch Graner Erzbischof und Statthalter. Er
war verständlicherweise ein konsequenter Vertreter der Interes-
sen der Habsburger und ein harter Verfechter der Gegenrefor-
mation. Einerder Höhepunkte der Gegenreformation waren die
sog. Preßburger Delegiertengerichte, denen er vorsaß. Zugleich
war er der Hauptvertreter der Marienverehrung, wovon eine
Reihe seiner Maßnahmen und Entscheidungen zeugen ; auch aus
seinem Privatbesitz sind Kunstwerke mit marianischer Thema-
tik bekannt.
Im Rahmen seiner umfangreichen wirtschaftlichen Aktivitä-
ten gewann er überwiegend auf der Insel Große Schütt viele
Güter, unter anderem auch in den Jahren 1649—1663 Burg und
Herrschaft Eberhard. Seinen Sitz baute er für Wohnzwecke
wahrscheinlich vor dem Jahre 1677 um und zog sich im Jahre
1679 vor der in Preßburg wütenden Pest, die fast die halbe
Bevölkerung dahinraffte, dorthin zurück. Im Zusammenhang
mit dieser Epidemie ist auch das Entstehen des Reliefs „Maria-
hilf' als Beschützerin zu sehen, so daß es als Danksagung für die
Abwendung der Seuche zu verstehen ist.
Auf der erhaltenen Grafik, die einen älteren Bauzustand des
Eberharder Schlosses darstellt, ist auf dem Eintrittsrisalit des
Tores eine figürliche Komposition zu sehen, die man als Halbfi-
gur der Madonna mit Kind identifizieren kann. Es ist möglich,
daß es sich um den ursprünglichen Standort des Reliefs handelt,
das im Rahmen späterer Umbauten versetzt wurde.
Der Autor des Werkes bleibt unbekannt. Bekannt ist jedoch
der Name eines Bildhauers, Johann Rhabrowský, der im Jahre
1681 als ’sculptor archiepiscopi Strigoniensis’ bezeichnet wird;
wegen des völligen Mangels an vergleichbarem Material kann er
jedoch mit dem Schöpfer des Reliefs nicht gleichgesetzt werden.
Aus dem 17. Jahrhundert ist allein eine weitere monumentale
Reliefversion des Typs „Mariahilf' bekannt, die sich im Hof des
Primatialpalais in Bratislava befindet, wo sie jedoch einen sek-
undären Standort fand. Beide Reliefs weisen eine Reihe von
Analogien, aber auch wesenstliche Unterschiede auf, weshalb
anzunehmen ist, daß sie nicht von der Hand desselben Meisters
stammen. Zugleich ist jedoch eine gemeinsame Vorlage in Be-
tracht zu ziehen, ohne daß ein unmittelbarer Zusammenhang zu
belegen ist. Der Ursprung beider Werke im westlichen Donauge-
biet und folglich ihre Einfuhr nach Preßburg und Eberhard
erscheint wahrscheinlich.
Deutsch von Kuno Schumacher

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