Behrens, Peter; Deutscher Werkbund [Editor]
Bau und Wohnung: die Bauten der Weißenhofsiedlung in Stuttgart errichtet 1927 nach Vorschlägen des Deutschen Werkbundes im Auftrag der Stadt Stuttgart und im Rahmen der Werkbundausstellung "Die Wohnung" — Stuttgart, 1927

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J. J. P. OUD
ROTTERDAM

Ertäuterungsbericht
Grundlegender Ausgangspunkt für die Gestaltung des Typs war in erster
Linie die Lage des Hauses zur Sonne. Die Wohnabteilung wurde
nach dem Süden, die Wirtschaftsabteilung nach dem Norden gelegt.
Soweit hier von einer Trennung gesprochen werden kann, wurde sie
weiter durchgeführt in den Zugängen zu der Wohnung: Dienstverkehr
von Norden, Wohnverkehr (Bewohner, Besucher) von Süden durch den
Garten. Vorteil dieser Anordnung ist, daß unnützer Raum in der Woh-
nung (Raum, bloß dem inneren Verkehr dienend: Korridore usw.) ver-
mieden wird.
Voraussetzung für diese Disposition ist, daß die Wohnung in zwei
Straßen mündet. Sie sollen beide gleich anständig sein: nicht einerseits
eine repräsentative Straße und andererseits ein Wirtschaftsgang. Sie
sollen sich bloß durch ihren Charakter (gemäß ihren Funktionen) unter-
scheiden. Die Kombination beider Straßen zu einer einzigen würde zu
einem lebendigen Straßenbild führen, das an Stelle der Langweiligkeit
formalistisch entworfener Fassaden den Abwechslungsreichtum einer
auf organischer Grundlage beruhender Gruppierung bieten würde. Dies
wird hier als Prinzip vorgeschlagen (die ausgeführten Bauten können
es, da es sich bloß um eine Reihe handelt, nicht zeigen). Die ange-
deutete Situation hat übrigens den Vorteil, daß die Straßen sehr
schmal sein können: sie brauchen bloß dem Verkehr zu dienen (in
Straßen dieser Art geringfügig), während für den Lichteinfall die
Gärten mitzählen; mit dieser Tatsache darf bei der Feststellung der
Straßenbreite gerechnet werden. Einsparung an Kosten für Pflasterung
und für Leitungen jeder Art sowie Erleichterung der polizeilichen
Beaufsichtigung würden weitere Folgen sein.
ln der äußeren Erscheinung tritt die Nordfassade geschlossener, die
Südfassade offener zutage. Die Offenheit der letzteren sollte so wenig
als möglich durch Anbauten gestört werden. Die Trennung der Garten-
terrassen ist hier nötig, um Freiheit für die Bewohner zu gewähren,
und findet nicht durch schwerfällige Mauerflächen statt, sondern durch
offenes, bewachsenes Drahtgewebe.
Somit war zugleich die innere Disposition des Hauses gegeben. Im Erd-
geschoß Wohnzimmer gen Süden, Küche und Waschküche gen Norden.
Als Vermittler zwischen Straße und Küchenräumen ein Wirtschaftshof,
der Arbeit im Freien ermöglicht. Eine dünne geschlossene Drahtziegel-
wand zur Trennung von der Straße gewährleistet einen sauberen An-
blick von außen. Dem Zugang zum Hof dient eine eiserne Türe, welche
im oberen Teil offen ist, so daß von der Küche aus gegebenenfalls zu

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