Behrens, Peter; Deutscher Werkbund [Editor]
Bau und Wohnung: die Bauten der Weißenhofsiedlung in Stuttgart errichtet 1927 nach Vorschlägen des Deutschen Werkbundes im Auftrag der Stadt Stuttgart und im Rahmen der Werkbundausstellung "Die Wohnung" — Stuttgart, 1927

Page: 109
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/behrens1927/0113
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
HANS SCHAROUN
BRESLAU
Zur Situation
Der durch die Stuttgarter Ausstellung dargestellte Zustand des Wohn-
problems ist nicht das Ergebnis einer plötzlichen, aus dem Boden ge-
stampften neuen Erkenntnis, sondern eine der sporadischen Ver-
wirklichungen aus einer bisher fast nur in die Zeichenschränke ver-
bannten fließenden Entwicklungsreihe.
Diese „fließende" natürliche Entwicklung ist durch den Krieg gewalt-
sam unterbrochen. Anstatt der früher üblichen, durch das Leben
selbst geregelten Methoden sind nach dem Krieg eine Art Zwangs-
methoden eingeführt, die der Weiterentwicklung des Bauens sicher
nicht förderlich gewesen sind.
Der Einfluß dieser Unterbrechung des natürlichen Weges darf hier
kurz im Hinblick auf das Wirtschaftliche, Technische und Geistige
gezeigt werden.
Die wirtschaftliche Lage führte infolge der notwendigen Zusammen-
fassung zu einer großzügigeren Behandlung der Bebauungsplanung;
man lernte anstatt in Grundstücken in Baublöcken und sogar in
Stadtvierteln zu denken — und andererseits gleichzeitig zu weitgehen-
der Beschränkung in der Grundrißplanung.
Im Grunde genommen ist beides, Gesamtplanung und Grundrißplanung;
gleich hemmend für eine natürliche und freie Entwicklung gewesen.
Bei der Bebauungsplanung wurde nicht bejahend an das Eigen-
lebendige des Stadtorganismus angeknüpft, sondern ein Stadt-Land-
Kcmpromiß geschlossen; die Grundrißplanung hat zu einer unnatür-
lichen Verengung und künstlichen Anspruchslosigkeit geführt.
Aus wirtschaftlichen Gründen ist ein Herausfinden aus dieser un-
natürlichen Verengung der Wohnform oder eine qualitative Steige-
rung dieser Wohnform innerhalb der nun einmal gezogenen Grenzen
schwierig zu bewerkstelligen, kann doch sinnvolle Beschränkung
auf qualitativer Grundlage erst die Folge eines Übermaßes,
einer Sättigung an Quantität sein.
Zu einem Grade von Sättigung, der zu einer Wendung zwingt, hatte die
Entwicklung im Wohnwesen bis zum Ausbruch des Krieges bereits
geführt. Der Umfang einer erheblichen Anzahl von Wohnungen war
schon derart gewachsen, daß bei halber Grundrißfläche, jedoch unter
Aufwendung etwa der gleichen Kosten, weit zweckdienlichere Anord-
nungen wirtschaftlich tragbar und technisch durchführbar gewesen
wären. (Die Entwicklung des Schiffbaues zum Beispiel, die natürlich
wirtschaftlich von noch weitgehenderen Voraussetzungen ausging,
kann immerhin als Maßstab der Möglichkeiten einer Bauveredelung
gelten.)

109
loading ...