Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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zugleich die Anschauungsweise der Zeit, der er sein Motiv entnahm,
hat andeuten wollen. Aber so sehr ihm dies gelungen sein mag
und so gern wir das darin bewiesene Machtalent bewundern, zu er-
wärmen oder überhaupt ein tieferes Jnterrcsse zu erregen vermag
diese Auffassung nicht. Luther ist ganz und gar Nebenperson, und
daß ist noch ein Glück: es ist wohl eine gewisse Aehnlichkeit mit
seinen bekannten Cranach'schen Portraits vorhanden, aber sonst könnte
an seiner Stelle irgend eine beliebige andere Person am Tisch sitzen,
die Bedeutung der Komposition und folglich auch der Werth des
Bildes' als solchen würde dadurch in keiner Weise berührt werden.
Vor der offnen Halle, in deren Hintergründe der Tisch steht, um
den die Gesellschaft gruppirt ist, steht ein Sängerchor, das den Ta-
felnden ein Ständchen bringt. Alle diese Figuren, sowie der Aus-
blick auf die alterthümlichen Häuser der Stadt sind meisterhaft cha-
rakterisirt, aber das Ganze macht doch — unserm Gefühl nach —
mehr den Eindruck eines koloristischen Stylexperiments als den einer
ernstgemeinten und aus dem Interesse für den Inhalt des Motivs
als solchen geschöpften Komposition.

Wir können hieran sogleich die Erwähnung eines andern oder
besser gesagt wirklichen Lutherbildes anschließen, nämlich P. Thu-
manu's „Junker Jörg mit den schweizer Studenten in Jena". Es
handelt sich hier nicht um einen lediglich erfundenen und behufs
eines koloristischen Experiments in eine bestimmte Zeit verlegten und
an die Person des großen Reformators ziemlich willkürlich geknüpften
Vorgang, sondern um eine bekannte Thatsache, welche durch eine
eigenthümliche Wendung in den: Schicksal des ehemaligen Augustiner-
mönchs das interessante Gepräge einer gleichsam ihm aufgezwunge-
nen Romantik erhält. Luther hat sich, um auf seiner Flucht unent-
deckt zu bleiben, in den „Junker Jorg" verwandelt und trifft in
einem senenser Wirthshause mit ein paar Studenten aus der Schweiz
zusammen, die, für Luther begeistert, ohne ihn im Junker Jörg zu
erkennen, sich mit ihm in ein theologisches Disput einlassen. Dies
ist das Motiv des Bildes. Es ist zwar nicht so vornehm in der
Farbe wie A. von Weruer's Lutherbild, aber man fühlt sofort an
dem objektiven Interesse, welches es einflößt, daß es dem Künstler
ernstlich und zunächst um die Idee des Bildes zu thun gewesen und
dann erst um die Mittel der Darstellung, um diese Idee in mög-
lichster Prägnanz und drastischer Klarheit zum Verständniß des
Beschauers zu bringen. Und dies ist ihm in hohen: Maaße ge-
lungen. Während man von dem Lutherbilde v. Werners — unter
schuldiger Bewunderung der subjektiv ausgezeichneten Technik — trotz
oder vielleicht gerade wegen der aristokratischen Feinheit seiner kolo-
ristischen Stimmung sich unbewegt abwendet, ja so etwas wie ein
innerliches Frösteln fühlt, zieht die energische Frische der Farbe,
nicht minder als die aller Prüderie fremde Derbheit der mit Recht
ganz realistisch behandelten Komposition den Beschauer unwillkürlich
in den Kreis der Darstellung hinein und läßt ihn mit Vergnügen
die einzelnen Schönheiten derselben über dem aumuthigen Total-
eindruck vergessen. Erst wenn er sich mit diesem gesättigt, erkennt er
die große Feinheit der kolorischen Durchführung. Man betrachte
z. B. den alterthümlichen grünen Kachelofen und die andern De-


Soeben erschien:

[868] |

t

Nach dem Original-Oelgemälde von 0. Zeppenfeld photographirt.
Folio-Format mit Erklärungstafel. 1 Thaler 15 Sgr.

Eine geniale Komposition und würdiges Erinnerungsblatt is4-
an den daheimgegangen grossen Künstler. L-

Hamburg, October 1874. Gebr. Bereudsolm.

tails in dem gewölten Keller: es ist Nichts, was nicht mit großem
Verständniß und gewissenhafter Sorgfalt behandelt ist, ohne daß
diese Aeußerlichkeiten irgendwie sich vordrängten oder gar den Blick
von den meisterhaft charakterisirten Personen abzögen. Was wir
aber besonders als ein Zeichen innerlicher Gesundheit an dem treff-
lichen Bilde loben müssen, ist, daß trotz aller historischen Treue in
Kostüm und sonstigem Exterieur, besonders aber in der typischen
Schilderung der Figuren nirgend eine Spur von jener affektirten
Mittelalterlichkeit in der Manier des Vortrags sich zeigt, so daß
mau etwa verleitet werden könnte (denn dies ist ja der Triumph
jener modernen Altdeutschthümelei), es für ein „altes" Meisterwerk
zu halten, sondern daß es nach dieser Seite hin im besten Sinne
des Worts ein modernes Werk ist, d. h. ein solches, in welchem
die historische Zeit mit unserm (objektiv klarer stehenden) Auge be-
trachtet wird.

Wenn dem Weruer'schen Bilde das eine der beiden Elemente,
deren Verbindung dem Lindenschmit'schen Gemälde einen so hohen
Werth und das Gepräge der Meisterschaft verleiht, nämlich die
Seele, die Wärme der poetischen Empfindung, mangelt, so fehlt dem
noch zu erwähnenden Bilde von Cretius „Cromwell wird an der
Auswanderung nach Amerika verhindert" nicht weniger als Alles:
Seele und Körper. Zwar ernstgemeint ist die Komposition, von
einem bloßen Farbenexperiment ist bei Cretius nicht die Rede; aber
das Ernstgemeinte liegt hier, wie so oft bei solcher Verwechslung
dramatischer und malerischer Motive, nicht sowohl in Dem, was uns
der Künstler zeigt, als was er beim besten Willen nicht zu zeigen
vermag: nämlich in dem ereignißschwangercn Umstande, daß, wenn
Cromwell nicht durch einen Staatsrathsbefehl an der Auswande-
rung nach Amerika verhindert worden wäre, damit aller Wahrschein-
lichkeit nach die ganze Geschichte Englands eine andere Wendung ge-
nommen hätte. Statt des Hauptes der englischen Republik würde der
fromme Brauherr vermuthlich ein im Kreise seiner Familie ruhig
fortlebender fleißiger Farmer geworden sein. Läßt sich das dar-
stellen? Aber selbst wenn man diese Geschichte kennt, deutet in der
Auffassungsweise der dargeslellten Situation nichts auf solche Be-
deutung hin: das Stirnruuzeln des zurückgcwiesenen Cromwell und
die Bestürzung seiner Angehörigen könnten ebenso gut davon her-
rühren, daß sie darauf ertappt sind, den Zollbeamten steuerbare
Maaren verheimlicht zu haben. Die Malerei ist dieser Bedeutungs-
losigkeit entsprechend. Theatralisch wie das Arrangement, ist die
Farbe rein dekorativ behandelt: kein Ernst, keine lokale Wahrheit;
ein flaues Braungrau ist wie eine Sauce darüber gegossen und muß
die mangelnde Harmonie der nur durch Vermittlung der Töne zu
erreichenden Einheit der Stimmung ersetzen.

Auf Beckmaun's „Hussiten nehmen vor der Schlacht das
Abendmahl" und andere Bilder ähnlichen Gcnre's, denen es ebenso
sehr au Energie in der Auffassung wie an Kraft der Farbe man-
gelt, verzichten wir näher einzugehen, da es keine angenehme Auf-
gabe ist, Das, was im Ganzen schwächlich und verfehlt ist, noch in
den Details als fehlerhaft nachzuweisen.

(Fortsetzung folgt.)

Münzsammlung von Herrn Dr. Ed. Rapp.

Diese reichhaltige Sammlung werthvoller römischer und grie-
chischer Münzen kommt am 23. November durch den Unterzeichneten
zur Versteigerung. — Der 2297 Nummern umfassende Katalog ist zu
haben.

[869] J. NI. Heberle (H. Lempertz’ Söhne) in Köln.

Kommissions-Verlag der Nicolai'schen Verlags-Buchhandlung (Stricker) in Berlin. — Druck von H. Theinhardt in Berlin, Jüdenstr. 37.
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