Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 2.1898

Page: 328
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1898/0143
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
328

Bücherschau.

»Ideen über Zeichen-Unterricht und künst-
lerische Berufsbildung« und eine Reihe von
psycho - physiologischen Werken hervor-
ragender Qualität. Seine »Aufgaben der
Kunstphysiologie«, die jetzt in 2. Auflage
lieferungsweise und zu herabgesetztem Preise
vorliegen, enthalten für den Künstler und
Kunstfreund eine reiche Fülle von An-
regungen und feinsinnigen Beobachtungen.
Ich erinnere mich noch der allgemeinen
Zustimmung bei Erscheinen der ersten Auf-
lage, auch vonseiten der zünftigen Gelehrten,
der Psychologen und Physiologen usw., an
der Spitze Ernst Brücke, der feinsinnige Ver-
fasser der »Bruchstücke einer Theorie der
bildenden Künste«.
Was dem Buche den hohen Werth gibt,
ist die feine Mischung verschiedener litera-
rischer und sinnlich-kulturhistorischer Quali-
täten, die eben zusammen die Persönlichkeit
des Verfassers ausmachen. Neben einer Fülle
gediegener und die neuesten Richtungen be-
herrschender spezialwissenschaftlicher Kennt-
nisse sind es umfassende künstlerische Er-
fahrungen und Eindrücke und über allem
die prächtige, kräftige und enthusiastische
Individualität eines Mannes, die durch jede
Auseinandersetzung herausblitzt und dem
Buche den überaus fesselnden stark persön-
lichen Karakter verleiht. Und trotz dieses
kraftvollen freudigen literarischen Impressio-
nismus verlässt Hirth nie die Nothwendig-
keit wissenschaftlicher und experimentaler
Begründung.
Ich bin in Verlegenheit, im Rahmen
eines Feuilletons den Inhalt referirend zu
erschöpfen. Er ist zu vielgestaltig, zu reich
und zu feinnuancirt, um dieses zu ermöglichen.
Und ein Bild, ein richtiges Bild vom Inhalte
gäbe es doch nicht. Nur die Lektüre des
Werkes gibt einen Begriff von seiner grossen
Bedeutung und der Grösse, vor allen Dingen
der thatsächliche Gewinn ist für Künstler
wie Kunstfreunde gleich gross und fördernd.
Schon die Wichtigkeit des Grundmotivs ist
so einleuchtend: das gesammte Kunstschaffen,
in erster Linie die Malerei auf physiologische,
psycho-physiologische und optische Weise
zu erklären und zu verstehen. Dabei müssen
Grundprinzipien klargelegt und erklärt werden,

das Harmoniegefühl in Farbe und Form und
vor allem das' Prinzip der Illusion, dieser
wunderbarsten machtvollsten Wirkung der
Kunst. Und dann lange Reihen von ab-
geschlossen durchgeführten Themen, deren
Titel die Technik des »einäugigen Sehens«,
der »körperhaftenPerspektive«, »Gedächtniss-
ökonomie«, »Gesichtsstimmung ist farbiges
Licht«! Packend und verheissend wirkt die
prächtig temperamentvolle stürmische Phi-
lippika gegen Zeichen- und Gipsvorlagen,
gegen den steifleinenen, jede Freiheit er-
tötenden Unterricht in der Akademie; und
die positive Seite dieser berechtigten Ent-
rüstung, der kräftige Hinweis auf die Natur,
die Mutter der Kunst. Wenn Lionardo die-'
jenigen Künstler, welche statt von der Natur
zu lernen, in das mit Unrecht so beliebte
Abhängigkeitsverhältniss von einem Meister
traten, »Enkel der Natur« genannt hat, da
erscheint dieser Ausdruck sehr mild, wenn
man nicht zu seinen Gunsten doppelte un-
eheliche Geburt dieser famosen Enkel an-
nimmt. Immer und auf's neue soll der
Künstler auf die Natur hingewiesen werden.
Doch ist auch hier der Uebereifer, das er-
forderliche Kopiren sicherlich unkünstlerisch.
Hirth hat seinem Werke zur Illustration
seiner Kunstanschauungen ein Titelbild vor-
angesetzt, das die Zeichenschule des ja-
panischen Malers Kiösai zeigt. Jeder der
jungen Künstler hat ein Stück lebender oder
todter Natur vor sich, das er betrachtet, lange
und liebevoll betrachten muss und dann
zeichnet. So entsteht ein wahres und treues
künstlerisches Erinnerungsbild und die Grösse
der japanischen Kunst beweist die Trefflich-
keit dieser Methode. Mir fällt ein, dass
Meister Böcklin während seiner kurzen
Weimaraner Lehrperiode lange Ausflüge
mit seinen Schülern unternahm, sie auf
alles künstlerisch Werthvolle aufmerksam
machend. Aber zeichnen durfte keiner der
Jungen, bis sie nach Hause zurückgekehrt
in dem freudigen reproduzirenden Genüsse
des Geschauten Erinnerungsbilder desselben
schufen. Solche Beispiele sind wirksamer
und kunstfördernder als alle Akademien des
gesammten Planetensystems.
Dr. Edmund Wilhelm Braun (Troppau).
loading ...