Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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Marcus
Behmer.
Neujahrs-
wunsch-
karte.

in jeder Tonalität die gleiche Wirkung üben
würden. Mit dieser Monochromie steht das
tiefe Dunkel, das Carrieres Gestalten um-
kleidet, in enger Beziehung. Diese Schatten
erlaubten dem Künstler, alles Unwesentliche
an der Erscheinung verschwinden zu lassen,
und wurden ihm daher eine Hilfe bei dem
Streben, nur das Bedeutungsvolle mit Nach-
druck hervorzuheben.

So entstehen jene fast erschütternden Bild-
nisse , wo aus brauendem, luftigem Dunkel
sich leuchtende, schier verklärte Stirnen her-
vorheben, Häupter, die mit unsichtbaren Kronen
geschmückt sind, und Hände, die von dem
»grossen Schmerz, der die Natur durchzittert«,
zu wissen scheinen.

Es ist ein grosser Begriff vom Menschen,
der sich in diesen Schöpfungen ausspricht.
Von diesen Daudet, Verhaeren, Devillez,
Reclus, Gon-
court kann man

sagen, dass
Eug. Carriere in
ihnen den sie-
genden, trium-
phierenden
Menschengeist

dargestellt
habe, der aus
den Schatten
sinnlicher Exi-
stenz wie eine
Fackel empor-
brennt. Car-
rieres Bildnisse
zeugen von
einer hohen
Achtung vor
der Tatsache
alles mensch-
lichen Lebens,
und nicht nur
von Achtung,
sondern auch
von Liebe. Mit
Recht sagt C.
Mauclair: »Nur
ernste u. liebe-
volle Menschen
können seine

Kunst ver-
stehen«. Man

erinnert sich
der zahlreichen
Variationen, in
denen Carriere

das Thema der Mutterliebe behandelt hat.
Dieser Gegenstand war für ihn nicht ein be-
liebiger Stoff wie jeder andere. Carriere stellte
stets im buchstäblichen Sinne sich selbst dar.
Die Liebe, die heisse, fast brünstige Zärtlich-
keit der Mutter zum Kinde, für die er so oft
einen Ausdruck suchte und fand, fühlte er in
sich selber beben. Wir besitzen schriftliche
Zeugnisse von seiner Hand, die das bestätigen.
Der Kundige bedarf dessen nicht. Er sieht
ohnedies, dass jeder seiner Pinselstriche ein
Akt der Adoration, eine Handlung der Liebe,
eine Liebkosung gewesen ist.

Zusammenfassend darf man wohl sagen,
dass Carriere einer der feinsten Geister war,
die der französischen Kunst erstanden sind.
Der entschiedene, fast schroffe Idealismus,
den seine Schöpfungen atmen, bringt ihn dem
Herzen des geistigeren Deutschen besonders

nahe. Dass
Carriere auch
an dem Laster
dieser Tugend
litt, dass seine
starke Idealität
sein Verhältnis
zum Objekt ge-
trübt hat und
ihn schliesslich
sogar der Ma-
nier auszulie-
fern drohte, ist
den Kennern
seines Schaffens
nicht unbekannt
geblieben. Man
darf zwar nicht
sich davor ver-
schliessen, dass
sein Gebiet be-
schränkt , dass
er ein Spezialist
gewesen, doch
wird man in
ihm stets den
reinen, edlen

Menschen
ehren und den
Künstler, dem
es gelang, für
alles Zarte und

Sehnsüchtige
den rührend-
sten Ausdruck
zu finden. —

WILHELM MICHEL.

Mit Genehmigung des Herrn Dr. Ludwig F. Herz.

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