Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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Victor Zobel—Darmstadt:

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ERNST KUHN — DRESDEN;

Dorfschule.

ANMERKUNGEN ZUR DRESDNER AUSSTELLUNG.

Was bedeutet uns die Dresdner Ausstellung?
Heute, wo der Abstand fehlt, ist die Frage
noch nicht zu beantworten, das abschließende Urteil
muf3 eine spätere Zeit bringen. Mir scheint sie auf
dem Gebiete der Innen-Ausstattung, auf dem der
Hauptnachdruck liegt, nichts gerade Überraschendes
zu zeigen. Wir stehen immer noch im Anfang einer
großen Bewegung, und unsere Hauptarbeit dem Aus-
gestellten gegenüber besteht im Vergleichen der
einzelnen Werte oder Persönlichkeiten, wie es offen-
bar auch beim Schaffenden stark mitspricht. Und
eben durch diese Arbeit des Vergleichens wird die
Bewegung immer mehr in eine gemeinsame Richtung
gewiesen, die immer klarer das Streben und Wollen
der Allgemeinheit bezeichnet. Ein großer Schritt
vorwärts ist seit der ersten Darmstädter Ausstellung
getan; aber immer noch sehen wir äußerlich ziemlich
deutlich getrennte Gruppen von Schaffenden mit
nicht immer klaren Zielen. Daß heute irgendeine
grundsätzliche Abgrenzung dieser Grnppen nicht mehr
recht stichhalten will, ist sicherlich ein Zeichen ge-
sunder Weiterentwicklung. Ich für mein Teil sehe
in den Leistungen, wie sie etwa Bruno Paul und
Albin Müller zeigen, die auf einer tüchtigen Über-
lieferungs-Erfahrung fußend zu ruhiger Klarheit ge-
kommen sind, die für die Allgemeinheit wertvollsten
Arbeiten, so hoch ich den befruchtenden und an-
regenden Einfluß des reinen Kunstschaffens etwa
eines Pankok oder Van de Velde einschäße. Ein
von jeder Empfindsamkeit und Gemachtheit und jeder
falschen Feierlichkeit chemisch reiner Sachstil, in

dem Selbsterworbenen wurzelnd, scheint mir für uns
Lebende die wahrhaftigste Lebens - Äußerung auf
diesem Gebiete zu sein; er ist jeder Aufgabe, der
größten und der bescheidensten gewachsen.

Mir fiel deshalb besonders auf, daß die künst-
lerischen Bestrebungen für den Bauer und Arbeiter
einen ausgeprägten Zug spielerisch-empfindsamer
Art aufweisen. Er tritt bei den dörflichen Bauten
und den Arbeiterhäusern, die seltsamerweise zu-
sammengeworfen werden, in der altertümelnden Ge-
samt-Erscheinung und in mancherlei Einzelheiten
der Ausschmückung zu Tage. Im ganzen steckt
natürlich viel Segensvolles und Erziehliches in diesen
Bestrebungen, den Weg aus einer nüchternen und
verlogenen Bauerei und Umgebung heraus zu weisen,
und es ist sehr Tüchtiges geleistet; aber ich habe
den Eindruck, als ob man seiner Sache ein wenig
fremd gegenübergestanden hätte. Ich vermisse recht
häufig den sachlichen Ernst und halte es für ge-
fährlich, daß man in guter Meinung versucht, wert-
vollen und nicht unmündigen Volksschichten, die
beide, aber in durchaus verschiedener Weise, un-
romantisch und nüchtern - fortschrittlich denken,
Masken für Kleider zu geben. Übrigens haben wir
heute schon Lösungen für ländliche Hausbauten, die
wesentlich sachlicher wirken als der Durchschnitt
der auf der Ausstellung gezeigten, und so ist zu
hoffen, daß die „Heimatkunsf'-Bewegung bald einen
gangbaren Weg finden wird. Freilich, der Künstler
allein oder der Ästhetiker wird hier garnichts er-
reichen können; das fiel mir besonders bei den Ver-

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