Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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HEINRICH VOGELER—WORPSWEDE.

Güldenkammer des Bremer Rathauses,

DIE GÜLDENKAMMER DES BREMER RATHAUSES.

NACH ENTWURF VON HEINRICH VOGELER.

An dem wunderbaren Rhythmus des
L Bremer Rathausbaues ist für uns heute
vielleicht das Wunderbarste die Tatsache,
dass er nicht aus dem genialen Wurf eines
Künstlers von Gottes Gnaden entstand, son-
dern dass zwischen der Zeit, die um 1410
die Hauptbaumasse erfand, und der anderen,
die ihr erst diesen Rhythmus von üppigster
Schönheit verlieh, zwei volle Jahrhunderte
liegen — eine Entwicklung von der Zeit
sachlich trockener gedankenarmer Ziegelbau-
formen bis zu dem phantastischen Reichtum
persönlich verfeinerter und dabei klassisch
abgeklärter Reife der Renaissance. Als da-
mals 1612 Lüder von Bentheim den aus-
gezeichneten Plan fasste, aus der sicher
1900. via 0.

reichlich eintönigen elffenstrigen Front den
dreiachsigen Mittelbau herauszuholen, den
er in zwei Geschosse gliederte und mit seinem
berühmten dekorativen Giebelbau abschloss,
da entstand der kleine Sitzungssaal, den man
gemeinhin die Güldenkammer nennt, zur
Hälfte in die grosse Rathaushalle hinein-
geschoben und hier mit den köstlichsten
Schnitzwerken verkleidet, die alte Handwerks-
kunst in Bremen jemals hervorgebracht hat,
der Täfelung und der Wendeltreppe von 1616,
die zum alten Archiv emporführt.

Diese Güldenkammer war seit Menschen-
gedenken als Innenraum verödet, und nur
der Name erinnerte noch an die güldene
Pracht reicher Ledertapeten oder anderen

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